Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 26 (24.6.1844)
- Date
- 1844-06-24
- Page
- Seite 361 (sequence 9)
- Language
- German
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861 sagt Jeremias. Am stärksten wieder stellt sich dies Ln Dingen der Religion heraus. Ist der Verstand ganz Auge, nichts weiter als Auge, so ist das Herz an sich ohne Auge, und weiß nicht, wohin es strebt. Vieles in weltlichen Dingen schmeichelt sich ihm ein als edel und vorzüglich, und' ist es nicht, wenn es zur Probe kommt, Vieles in religiösen Dingen empfiehlt sich dem Herzen, ist verwachsen mit ihm, ich sage nicht: und ist bedeutungslos, das würde nicht schaden, sondern: und ist selbst gefahrbringend für unsere Seele. Der gemüthlich - religiöse Mensch hält fest an einem Gebrauch, der ihm bedeutungsvoll, heilig, gottgegeben erscheint; er thue es, seine Ahnung des Göttlichen darin zeugt von dem Verlangen nach Gottes Nahe, sein Wille, die Vorschriften des Herrn zu erfüllen, ist löblich auch da wo er sich irrte, sein Gemiith, offen für das Höhere,, wird manches sanfte und beglückende Gefühl mit Anlassen und ihn den edleren Naturen zugesellen. Aber könnte dies alles nicht Statt haben bei geläuterten Religionsansichten? verliert der Gebrauch an Heiligkeit, wenn ich weiß, was er bedeutet? erkenne ich weniger den Hüter Israels, wenn ich die Geschichte Israels gründlich lerne? ist mein Gebet minder andächtig und innig, wenn ich verstehe, um was ich zu meinem Gotte rufe? verliert Gott an Erhabenheit für mich, wenn ich umfassender über ihn nachdenke, wenn ich alle unwürdigen Vorstellungen von ihm von mir fern halte? ‘■pain “p^on TZTtfb rühmt Moscheh, Frömmigkeit und Lickt waren das Erbtheil deiner Frommen, aber Licht ist nicht immer ein Erbtheil Israels geblieben, wir haben sehr finstere Jahrhunderte gehabt. Unsere Gotteserkenntniß kann so einfach sein, sie wird uns durch nichts Unbegreifliches erschwert, das wir glauben müssen; wenn in irgend einer Religion, so in der unserigen brauchte nicht Gottesgelehrter und Wettweiser geschieden zu sein; aber Israel hat durch lange Jahrhunderte der echten Forschung den Rücken gewendet, kaum daß es in unseren Tagen anfängt, sie für erlaubt zu halten. Die religiösen Gebräuche waren zur Heiligung eingesetzt, aber sie wurden unwirksam gemacht durch Forschungen, die nur auf das Aeußerliche gerichtet waren, statt sie in ihrem innersten Kern zu erfassen; ein Gemüth muß versumpfen, das von nichts Anderem bewegt wird als -urch die Uebung unbegrissener Werke, und Israel ward zum Sumpf, über den erst seit einem Menschenalter wieder Winde streichen. Der Geschichte ist das Richteramt übertragen über alle menschliche Vergangenheit, hat Israels Vorzeit etwa den Richter so sehr zu fürchten, daß nicht das, was geschehen ist bei unseren Vätern, dürfte ausgesprochen werden? warum denn soll nicht dürfen erforscht werden, was geschehen ist, und gesagt werden: So Hab' ich es gefunden? Hätten dock unsere .Brüder weniger Mißtrauen gegen ihre Religion, gegen ihre religiöse Geschichte, sie dürfen sie beleuchten und haben das Lickt nicht zu scheuen. Ich darf indessen diesen Gedankengang nicht fortsetzen, nur das sage ich: Einsicht ohne Frömmigkeit taugt nicht, und Frömmigkeit ohne Einsicht taugt nicht, Beides vereinigt muß besitzen, wer den des Daniel zugezahlt sein will. Und Jeder kann das und soll es, der Geistliche soll es in höherem Grade, er hege und pflege die Entwickelung des Geistes, er trete mit seinem Lichte muthig hinein in das religiöse Leben seiner Gemeinde, und fürchte nicht, Blößen aufzudecken, sein Licht, wenn durch Frömmigkeit gemildert, wird nicht zur Brandfackel werden, sondern eine Leuchte für den Fuß, und was nicht dieses fromme Licht aushält, das fliehe zurück in die Schatten, dahin es gehört, es bat nicht Platz in der Lichtreligion. Aber andererseits hege und pflege er die Frömmigkeit, jedes Zeichen von religiösem Gefühl sei ihm heilig, er reute es nicht aus, auch wenn cs auf Abwegen ist, sondern lenke es auf den rech: ten Pfad, er halte heilig und ehrwürdig, was unseren Vätern dafür galt, so es fähig ist, gereinigt und verklärt zu werden, unsere Religion'hat dieser Art noch unendlich Vieles, was unter geschickter Gärtnerhand für einen Garten Gottes gezogen werden kann. Neben ü^T'd'ü'ü stellt Daniel ^1^:2 die, welche Viele gerecht machen: ich finde auch diesen Ausdruck anwendbar auf unsere Zeiten. In den früheren Jahrhunderten war die religiöse Anschauung der Juden die nämliche bei Allen, so weit hin die Zerstreuung Splitter unseres Volkes trug, hatte Israel dieselbe Lehre, dasselbe Gepräge, dieselben Gebräuche und Sitten, friedlich und ungetheilt. Diese Zeit ist vorüber, Gott gefiel es, daß eine neue Form sich hervorarbeite, und das kann nicht über Nacht geschehen, und nicht in allen Ländern und Gemeinden zu gleicher Zerr und mit gleicher Kraft und Nachhaltigkeit geschehen. Die Sache ist da, Israel ist nicht mehr eins. Die Altgläubigen, einst die Gesammtheit, verloren mehr und mehr Boden, es ist an gar vielen Orten unseres Vaterlandes dahin gekommen, daß sie die Minderzahl bilden. Der Geistliche, der seines Amtes ehrlich warten will, auf welche Seite soll der treten? darf er unter Stoßseufzern seine Anhänger immer nur in denen erblicken, welche mit jedem Tage mehr zusammenschmelzen, nnd sich trösten entweder mit einer gewaltsamen 26*