Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1844)
- Date
- 1844-06-10
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
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322 An diesen Umstand reiht sich ein anderer, noch viel trüberer, das ist: die materielle Richtung der Zeit. — Man glaube nicht, daß wir an sich verächtlich auf die industriellen Bestrebungen hinuntersehen, wie öfters Gelehrte und Asketiker. Wir schätzen sie nicht bloß in ibrer Notwendigkeit, Ln ihrem Rechte, sondern auch in der großen Geistesentwickelung, die sie hervorbringen, in der tüchtigen Kraftentwickelung, die sie gebrauchen, und wie vielen auch geistigen Entdeckungen sic zur Basis dienen. Jedoch da sind sie verächtlich, wo sie, mit dem Prinzip des Erwerbes allein an der Spitze, zu rohem Materialismus herabsinfen, der jede geistige Auffassung des Lebens und der Kunst nicht etwa beseitigt, verdrängt, sondern geradezu mit der Keule todt schlägt. Unsere Väter haben wahrlich die Dukaten nicht weniger gern eingestrichen, und nicht weniger gebraucht. Ja, gerade Erwerb und Religion vertrugen sich bei ihnen auf's beste, weil sie die einzigen Interessen des Lebens bildeten. Aber erstens hat der Erwerb eine ganz andere Gestalt angenommen; in den niederen Sphären ist er zur drückendsten Konkurrenz geworden, die ein unaufhörliches Mühen und Plagen erfordert, um zu bestehen; in den höheren Sphären ist er völlig zur Spekulation geworden; letzterer hat sich die Beweglichkeit und Lebendigkeit unserer Stammgenossen namentlich ergeben; die Spekulation verdrängt aber alles Andere, weil sie nicht bloß eine bestimmte Beschäftigung, sondern zugleich ein Geiftesspiel rst, das unaufhörliche Wachsamkeit, das tiefe Beobachtung, schnelle Besonnenheit erfordert, und durch das Schwanken des Ganges und die Unsicherheit, aber auch Größe der Erfolge im höchsten Grade spannt. Wo will neben diesem Dämon die Religion mit ihrem feierlichen Ernste, mit ihrem sittlichen Charakter bestehen? Ja, sie wird da gänzlich zu Schanden, die industrielle Spekulation ist ihr größter Feind, in beschaulicher und praktischer Beziehung: denn am Ende ist diese Spekulation nichts anders, als ein gesetzliches Plündern, das lediglich auf die Beraubung der Nebenmenschen ausgehr. Neben diesen sind aber auch noch Nebenumstände wirksam, um das Interesse des Juden am Juoenthum zu schwächen. Das Letztere tritt überall in kleinen Gemeinden auf, so daß in großen Läudergebieten immer doch wenige Gemeinden eine Seelenzahl von Tausend übersteigen. Dem frühern Juden war seine Gemeinde die Welt, darüber hinaus cr nichts wußte; jetzt, wo der Jude den Blick in die ganze Menschenwelt offen hat, ist ihm die Gemeinde vielfach zu klein, zu unbedeutend, um Interesse daran zu nehmen; seine Beobachtung ist in so große Kreise gerichtet, daß sie an dem kleinen seiner Gemeinde nicht mehr haftet. Anstatt zu bedenken, daß nur in kleinen Kreisen Gutes geschafft werden kann, ist seine Neugierde, seine Rangstreitigkeit, sein Eifer um so mehr abgezogen, je mehr der Jude selbst geneigt ist — seine Glaubensgenossen zu verachten, über die Achsel anzuschauen. Ja, zu verachten, wenigstens über die Achsel crnzuschauen seine Glaubensgenossen — ist der Jude geneigt, geneigter als je. Wir haben hiermit einen nicht minder fressenden Krebsschaden genannt, der innerhalb des Judenthums sehr gesunde Theite beschädigt. Wenn früher darum ein Jude den andern weniger achtete, weil cr irr ihm keine Macht, vielmehr dieselbe Ohnmacht fand, wie in sich selbst: so hatte doch der Jude vor zwei Dingen großen Respekt, die cr bei seinen Glaubensgenossen fand, vor tatmildischer Gelehrsamkeit und Geld. Vor beiden hat er den Respekt verloren, die knechtische Ehrfurcht, die er vor einem Gcldaristokraten und einem Talmudaristokraten hatte, ist geschwunden — was ist ihm nun noch wichtig bei seinen Glaubensgenossen? Wenn auch unter den Individuen es anders ist, im Allgemeinen macht er sich nichts aus ihnen. Wie überaus großen Abbruch dies aber den Werken und Instituten des Judenthums im Allgemeinen wie im Speziellen thut, hat Niemand mehr empfunden, als Schreiber Dieses bei seinen etwas in's Weite greifenden Plänen und Unternehmungen. Es hat darin wirklich Alles aufgehört. Nun, wird man fragen, so liegen alle Gründe und Ursachen des Jndifferentismus lediglich in den Juden und deren gegenwärtigen Verhältnissen, gar keine im Judenthnme? Wir sagen: Nein! so sehr uns dies die Frank, furtcr Reformer leugnen wollen. Es konnte eine Zeit geben, wo die verfallene, unästhetische Außenseite des Jndentbuws, und die innere Knechtschaft, die sich in den letzten Jahrhunderten in ihm auSgearbcitet hatte, den gebildeten, den wissenschaftlichen Geist von sich stoßen konnte. Alles Dies ist nicht mehr der Fall. Das Indenthum hat ein Gewand angethan — wir meinen den Kultus nicht allein — in welchem er vor Völkern und Königen erscheinen kann. Zugleich ist in feinem Schooße eine so große Bewegung bei aller Einheit der Grundprinzipien, eine so große Elastizität bei aller Sicherheit der Grundanschauungen erschienen, daß jede Geistesrichtung ihre Befriedigung finden kann. Ueberlegt mau alle diese Momente, welche das Interesse für das Judenthum im Juden schwachen und min-