Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1844)
- Date
- 1844-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225360--06089-3314884- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
No. 24. VIII. Jahrgang. Allgemeine Zeitung des Zndenthums. Ein unpartheiisches Organ für alles jüdische Interesse. Redakteur: Vertag von Dr. Ludwig Philippfon, Baumgärtners Buchhandlung Rabbiner zn Magdeburg. ipzig. (Mit Königl. Sächsischer allergnädigster Konzession.) Leipzig, den Iv. Juni 1844. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal, Montags, und wird jährlich 96 Bogen in Quart inkl. des Titels, Registers u. s. w. umfassen. In Gemäßheit des Zweckes derselben die allgemeinste Verbreitung zu geben, ist der Preis äußerst niedrig: mit 3 Thlr. für den Jahrgang; — 1 Thlr. 15 Ngr. (1 Thlr. 12 gGr.) für sechs Monate — 22| Ngr. (18 gGr.) für das Vierteljahr angesetzt worden. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungsexpeditionen nehmen Bestellungen an; der Hauptspedition für beide Letztere hat sich die König!. Sachs, wohllöbl. Zeitungs-Expedition allhier unterzogen. Inhalt. Leitende Artikel: Der Jndifferentismus. Die erste Rabbinerversammlung. Zeitungsnachrichten: Rußland und Polen: Warschau, St. Petersburg. Donau-Fürstenthümer: Jassy. Großbritannien: London. Deutschland: aus dem Großherzogth. Hessen, Darmstadt, Frankfurt am Main, Hüttenbach, Luxemburg. Preußen: Breslau, vom Ostseestrande. Oesterreich: Pesth. Literar. Nachrichten r Magdeburg (Schulbücher), Magdeburg (Belletristisches). Leitende Artikel. Magdeburg, den 3. Juni. Der Z u d i f f e r e n t i s m u s. (Fortsetzung.) Die Hauptfrage ist hierbei nach dem Kausalmoment dieses Jndifferentismus, die Frage: woher kommt derselbe^ Die Antwort ist nicht leicht, wenn man sie etwas gründlich behandeln will. In früherer Zeit waren die Bekenner des Judenthums, wie bekannt, gänzlich in dasselbe eingebaut. Es war ihr ganzes geistiges Leben. Neben dem Erwerb war die Religion allein ihre Lebensbeschäftigung, ihr Wissen, selbst ihr Stolz, ihr Neid, ihr Rangstreit, kurz ihr ganzes Interesse. Erwerb und Religion, letztere in Theologie und Asketik bestehend, füllten ihr Leben ganz und gar aus. Es war ein fest und gerade ausgestochenes Bett, über das die Strömung nie trat. Wie ganz anders ist es geworden? Der Jude hat noch tausend andere Interessen kennen gelernt, die ihn einnehmen. Die Wissenschaften, die ihren ganzen Menschen zu fesseln verstehen, und die dann ihreu Jünger so weit von jeder historisch gebildeten Religion abführen. Die Künste, die nur eine ganze Huldigung vertragen, und gewöhnlich alles andere Interesse rein wegzehren. Die Politik, sowol im allgemeinen Leben der Gesellschaft, als auch die Führung der Lokalitäten, die Theilnahme am cngstaatlichen und städtischen Leben. Endlich die Gesellschaftlichkeit, Theater, Konzerte, Balle ff. Alle diese haben neue wichtige, zum großen Theil sehr wesentliche Interessen in die Bekenner des Judenthums gebracht, welche das Interesse für die Religion sehr absorbiren. Man wird freilich einwenden: kann neben dem Interesse für alle diese Gegenstände nicht auch das Leben in der Religion bestehen, soll und muß es das nicht? Ist doch die Religion das allgemeine Leben des Menschen, an welchem jedes Individuum Theil hat, und unter dessen blauem Himmel Wälder, Berge, Meere und Länder Platz haben, die größten und die kleinsten Oertlichkeiten. Aber wir sprechen hier nicht von idealen Zuständen, von dem was sollte und müßte — (Letzteres sagt schon aus, daß es nicht ist —) sondern wir wollen in sicheren Umrissen die Wirklichkeit erfassen. Da steht fest, daß, während die Religion früher das einzige Interesse des Juden neben dem Erwerbe war, jetzt eine Masse anderer ihn Ln Anspruch nehmen, welche jenes Interesse nicht bloß überhaupt reduziren, sondern bei vielen Individuen gänzlich wegzehren.