Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1844)
- Date
- 1844-06-03
- Page
- Seite 316 (sequence 12)
- Language
- German
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316 die wir an unsere Filialgemeinden zu den hohen Festen zum Verlesen richten. Das desfallsige zu dem vergangenen „Wvchenfeste" lautete: VIPllN 15TON insu 'n UiWH , ">3« 13dr WN N7N „Ein wandernder Aramäer war mein Vater, aber der Ewige, der Gott unsrer Väter, hat uns gebracht an diesen Ort." (5 Mos. 26, 5. 9.) Diese Worte, geliebte Brüder, sind Worte des Bekenntnisses, welches unsre Väter an dem Feste, das wir heute feiern, und zu dem ich Euch begrüße, auf die Erstlinge sprachen, die sie dem Priester im Tempel des Einigen übergaben. Aus allen Grenzen des Landes zogen zu diesem Feste die Häupter der Familien, je nach Kreisen zu Schaaren gesammelt, gen Jerusalem, unter Absingung von Psalmen mit Flötenspiel; dann wurden sie eingeholt von Abgeordneten der Brüder in Jerusalem, den Tempelberg hinangeführt, von wannen sie traten in den Vorhof, den Priestern ihre Gaben überreichten, das Bekenntniß (5 M. 26, ü—10) sprachen, und dann ein fröhliches Fest feierten. Nachdem Dieses viele Jahrhunderte also geschehen, wurden unsre Väter abermals „wandernde Aramäer," die da durchpilgerten nach festen Sitzen alle Länder und Zonen der Erde, bis sie das Erdenrund umzogen hatten wie ein Gürtel, so daß wenige Mcnschcnstatten sind, in die sie nicht eingekchrt. Aber wenn sie keine Heimath, kein Land, keine Ernten, keinen Tempel, keine Priester und keine Erstlinge mehr hatten: so hatten sie doch immernoch ihr Bekenntniß, das Bekenntniß des Einig-Ewigen, das Bekenntniß des gevffenbartcn Gottes, der die Wahrheit und das Recht in den Schooß Jsrael's niedergelegt, um sie zu wahren und mitzutheilen allen Menschenbrüdern. Dieses Bekenntniß zog mit ihnen durch alle Länder und Zonen, wie sie selbst umgiebt es das Erdenrund wie ein Gürtel, und es giebt wenige Menschenstätten, in denen nicht dieses Bekenntniß von der Lippe eines der Nachkommen Jsrael's ertönte. Fürwahr, meine theuren Brüder, so ist es wol würdig des Festes, einen Augenblick still zu stehen an dem großen Inhalte unseres Bekenntnisses, und es näher in's Auge zu fassen. Zu aller Zeit haben die Menschen zween Richtungen eingehalten: sie machten entweder Gott zum Menschen, oder den Menschen zu Gott. Entweder sie zogen Gott herab aus seiner ewigen Sphäre der Geistigkeit und Heiligkeit, umgaben ihn mit den endlichen Eigenschaften, die nur des Menschen sind, so daß sie Gott vermenschlichten; oder sie verherrlichten den Menschen, setzten diesen als das weltbehexrschende und weltausfüllende Wesen, das sich selbstcn genügt, um zu bestehen und zum Ziele zu gelangen. Allem Diesem tritt die Religion Jsrael's entgegen; mit dem Lichte der Wahrheit scheidet sie Gott und Mensch, fasset Gott in seiner Unendlichkeit und Vollkommenheit, den Menschen in seiner Endlichkeit und Unvollkommenheit; Gott als den höchsten Geist, der die Welt aus dem Nichts durch seinen Willen geschaffen, den Menschen als eine Verbindung des edelsten Erdenkörpers mit einer gottähnlichen, gottebenbildlichen Seele. So ist Gott das mit Ehrfurcht anzubetende Wesen, das das Weltall nach seinem Plane geschaffen, und allen Geschöpfen ein unveränderliches Gesetz eingesenket, nach dem sie werden, sind und vergehen, j Der Mensch aber ist berufen, sich Gott ähnlicher zu! machen, indem er die Fähigkeiten, die Gott seinem Geiste verliehen, immer mehr ausbildet und entwickelt. Indem aber die Religion Jsrael's so in ihrem ersten Bekenntnißpunkte Gott und Menschen von einander scheidet, so weit der Himmel von der Erde:! füllet sie diese Kluft in ihrem zweiten Bekenntnißpunkte wieder aus, sie richtet eine Jakobsleiter aus, deren Fuß auf den Erden, deren Spitze im Himmel lehnet. Sie sagt: Gotr, der die anderen Wesen nur mittelbar durch das Naturgesetz beherrschet, ist dem Menschen unmittelbar. Indem nämlich Gott deS Menschen Geist sich ähnlich bildete, gab er ihm das Streben und die Bestimmung nach Vervollkommnung, gab ihm damit zugleich Freiheit des Willens, das Gute; zu thun, das Böse zu lassen, oder umgekehrt; dann aber nimmt er das Thun des Menschen wahr, fordert ihm Rechenschaft, straft die böse, lohnt die gute That. Was aber ist gut? was böse? Was wahr? was unwahr? Wer sollte dies finden und feststellen, daß es nimmer dem Zweifel unterworfen sei? Die Stimme der Vernunft ist schwach, beständigem Schwanken und Irren unterworfen, was sie heute fasset, weist sie morgen von sich; was je die menschliche Vernunft aufstellt, kann sie selbsten wieder vernichten. Die Stimme des Gewissens ist schwach, denn die Selbstsucht des Menschen übertönt, die Leidenschaft erdrückt und verstellt sie. Die Natur? die lehrt uns gerade das Gegentheil; in der Natur zerstört ein Wesen