Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1844)
- Date
- 1844-06-03
- Page
- Seite 315 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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315 dene Uebertritt eines Zudenknaben zur katholischen Religion. Schon seit Jahren besuchen die meisten Knaben der hiesigen Israeliten, sobald sie den Elementarunterricht bei ihrem Lehrer erhalten, die hiesige höhere Bürgerschule, deren Lehrer ein katholischer Geistlicher ist, selbst dem katholischen Religionsunterrichte in dieser Schule haben dieselben mitunter beigewohnt. Durch welche Einflüsse und Einwirkungen nun dieser junge Israelit sich zum Uebertritte entschloß, mag hier unerörtert bleiben, genug, derselbe wurde im vorigen Sommer gegen den ausdrücklichen Willen seiner Eltern in Werl getauft. Nachdem derselbe sich dort noch einige Zeit aufgehalten, besuchte er später, wie es heißt, auf Kosten einiger Geistlichen, das Gymnasium zu Paderborn. Auf inzwischen erfolgte Reklamationen des Vaters wurde demselben vor ungefähr drei Wochen der junge Proselyt wieder zugeführt, vom Vater aber, nach einem Aufenthalte von wenigen Tagen, wieder sortgebracht; wohin, wußte jedoch Niemand, was denn zur Entstehung der unsinnigsten und widersprechendsten Gerüchte Veranlassung gab. Waren die Gemüther Vieler schon hierdurch aufgereizt, so wurden sie es um so mehr, als der frühere Lehrer des jungen Proselyten vor einigen Tagen einen zu Paderborn zur Post gegebenen anonymen Schmahbrief erhielt, worin sowol der Geistliche selbst, als auch die christliche Religion, auf eine höchst niedrige und unkluge Art angegriffen wurde. Statt den Brief völlig zu ignoriren und zu vernichten, war jener Geistliche unvorsichtig genug, den Inhalt bekannt werden zu lassen, wodurch denn die durch die früheren Vorfälle schon gereizte Stimmung der niedere» Klasse zu leidenschaftlicher Wuth angefacht wurde. Ohne hinreichenden Grund bezeichnete ein Jeder die Israeliten als die Verfasser dieses Briefes. Am Abend des 8. Mai begannen die traurigen Erzeffe mit dem Einwerfen einiger Fensterscheiben bei zwei Israeliten. Am ftten jedoch, als der Inhalt des Briefes sich durchgesprochen, konnte man leicht aus der den ganzen Tag über sich kund gebenden Stimmung auf ernstliche Ruhestörungen schließen. Schon vor Beginn der Dämmerung waren die sonst so öden und leeren Gassen mit Menschen gefüllt, und vor einigen Judenhäusern ertönte aus den Kehlen von mehr denn fünfzig Schulkindern der Ruf: „Hepp Hepp, Jude, verreck' (stirb)!" Als wenn mit dem Läuten der Betglocke um neun Uhr das Signal zum Angriff gegeben sei, begann jetzt an dem Hause des Vaters des jungen Proselyten das Einschlagen der Fensterläden und Zertrümmern der Fenster. Von Minute zu Minute wuchs der Eifer der Zerstörer, welche nun, mit Einem Opfer ihrer Rohheit noch nicht zufrieden, auch die übrigen israelitischen Einwohner heimsuchten. Thüren und Fensterläden wurden mit Beilen eingehauen, Fenster zertrümmert, Waarenvorräthe und Möbel verwüstet, Betten ausgeschnitten und ausgestreut. Das wilde Freudengeschrei der zerstörenden Rotte wurde noch übertönt durch das Jammern der bedrängten Israeliten, welche, in ihren Stuben des Lebens nicht mehr sicher, sich ans die Böden geflüchtet hatten. Gegen zwanzig Pfund schwere Steine wurden am folgenden Morgen bei vielen Israeliten in den Stuben vorgefunden. In Folge dieser Exzesse haben viele Israeliten ihre Frauen und Kinder zu benachbarten Verwandten gesandt, theils weil viele Häuser für einige Tage gänzlich unbewohnbar sind, theils, weil sie noch fernere Unruhen befürchteten. Am auffallendsten und unerklärlichsten ist bei diesen Exzessen der Umstand, daß währenddes Tumults, welcher ungefähr anderhalb Stunden wahrte, außer einem Gendarmen und zwei Sergeanten kein Polizeibeamter zu erblicken war, welcher den Pöbel zur Ruhe aufgefordert hätte; erst als nichts mehr zu zerstören war, erschienen zwei Mitglieder des Magistrats, bei deren Ankunft der Pöbel sich auch gleich zurückzog. Worin dieses späte Erscheinen der Polizeibehörde seinen Grund hat, das zu untersuchen ist nicht unsere Sache. Angeregt durch den hier stattgefundenen Vorgang, hat in der Nacht vom 10. auf den II. Mai in dem eine halbe Stunde von hier gelegenen Dorfe Störmede ein roher Haufen, einen Trommler an der Spitze, die dortigen Judenhäuser demolirt, jedoch damit nicht zufrieden, bei einem Israeliten sämmtliche Eisenwaaren in Stücke zerschlagen, einem anderen den ganzen Vorrath von Manufakturwaaren theils zerrissen, theils'gestohlen. Sollte man glauben, daß derartige Auftritte, welche nur in der rohen und finsteren Zeit des Mittelalters zu suchen sind, noch im neunzehnten Jahrhunderte, im Jahre 1844, Vorkommen könnten?" Magdeburg, im Mai. (Privatmitth.) Auf den Artikel in No. 17 Magdeburg vom 12. April ist uns von Einigen der Wunsch ausgesprochen worden, noch einige Male die Festschreiben mitzutheilen,