Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 23 (3.6.1844)
- Date
- 1844-06-03
- Page
- Seite 313 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225359--06080-3314874- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
313 jetzt bestehende Gesetz die Juden vom Staatsdienste ausschließt, der Unteroffizier aber als Staatsdicner angesehen wird, und es ebenfalls durch höhere Bestimmungen ausgesprochen ist, daß kein Jude der Vorgesetzte eines Christen sein darf. Die ganze Nachricht ist also eine aus der Luft gegriffene Erfindung." —. Die betreffende Nachricht steht in No. 18 dieser Blätter, und war uns von sehr wahrheitsliebender Hand zugekommen, ja sogar der Name des jungen Mannes mitgerheilt. Wir müssen unfern Korrespondenten ersuchen, uns das Nähere hierüber kund zu thun. Uebrigens können wir den Westphäl. Merkur ersuchen, seine „Berichtigungen" aus etwas weniger heißer Feder fließen zu lassen, denn es ist nicht gut, daß den „Berichtiger" die Leidenschaft führe, da diese so leicht unrichtig sehen läßt. Wenn der „Berichtiger" sagt, daß die Juden vom Staatsdienste ausgeschlossen sind, so haben wir nichts entgegenzusetzen, hätten wir das nicht gewußt, so würden wir das berührte Faktum gar nicht erwähnt haben, denn was wäre es für ein Wunder, daß ein Jude Unteroffizier würde, wenn man ihm erlaubte es zu werden? Wenn der „Berichtiger" sagt, daß der Unteroffizier als Staatsdiener angesehen wird, so mag das jetzt so sein, in früheren Jahren, in den Kriegsjahren mein' ich, war es nicht so; ich hatte selbst einen Oheim, der auf dem Schlachtfelde sich die Feldwebelwürde und das Kreuz, aber auch den Tod geholt hat, und dies Faktum will ich selbst vertreten. Wenn der „Berichtiger" aber sagt: „daß es durch höhere Bestimmungen ausgesprochen ist, daß kein Jude der Vorgesetzte eines Christen sein darf" — so hat er den höheren Bestimmungen einen baaren Unsinn untergeschoben. Ich habe in meinem Solde zwei christliche Schreiber, bin ich ihr Vorgesetzter? Mein Nachbar, ein Kaufmann und Jude, hat drei christliche Kommis, ist er ihr Vorgesetzter? An der Gemeindeschule giebt ein Christ den Gesangunterricht, ist der Direktor derselben sein Vorgesetzter? Gut ist es, daß das Leben klüger und liebevoller ist, und Menschenbrüder nicht auseinanderhält, die sich Nutzen schaffen und Gutes erweisen können. (Der Redakteur.) Minden in Weftphalen, 19. Mai. Die Magdeburger Zeitung enthält folgenden bemerkcnswerthen Korrespondenzartikel über die Gesecker Auftritte. Wir haben ein Beispiel davon erlebt, wessen der Pöbel fähig ist, wenn man seinen Fanatismus aufstachelt und wie er aller Menschlichkeit, allem gesunden Menschenverstände Hohn spricht, wenn er in geistiger Unmündigkeit von unwissenden oder böswilligen Geistlichen geleitet wird. Die schändlichen Auftritte zu Gesecke im Regierungsbezirk Arnsberg, über welche wir hier nähere Nachrichten von Augenzeugen haben, waren entsetzlich, und beweisen, daß die Bildung in jenen Gegenden noch so weit zurück ist, wie jene der Polacken zu Tarnow in Galizien, die auch neulich einen Sturm gegen die Juden unternahmen. Hier, in unserer Stadt, wo vor etwa jeinem Jahre auch gegen die Israeliten auf eine verwerfliche Art agitirt wurde, sind durch die Schändlichkeiten in Gesecke Manche anderes Sinnes geworden; sie sehen die Folgen eines Treibens, das eine Schande für unser Jahrhundert ist und ein Hohn für unsere Religion, deren Stifter Liebe gegen den Nächsten predigte. Alles Unheil kommt von jenem Proselytenmachen, jener Seelenfängerei, die hin und wieder jetzt völlig zum System geworden ist. Ich erinnere Sie an die Ränke und Schliche des Pastors Strouvelle zu Kirn an der Nahe, der einem protestantischen Vater einen zwölfjährigen Knaben entfremdete und diesen heimlich zum Katholizismus bekehrte, dann aber Lärm schlug, und den verführten Jungen zu einem Märtyrer stempelte, weil der Vater sein gesetzliches Recht ausübte und von den Behörden dabei unterstützt ward. Dort sollte der evangelischen Kirche eine Seele geraubt werden, in Gesecke war es auf einen Judenknaben abgesehen. Die Sache verhält sich nämlich wahrheitsgemäß folgendermaßen. Der Sohn des Kaufmanns Lörenbach hatte Unterricht beim katholischen Pfarrer. Dieser nimmt die günstige Gelegenheit wahr, um Proselytenmacherei zu treiben, verletzt also hier schon seine Pflicht, denn der Vater hatte ihm den Knaben nicht zum Bekehren anvertraut. Der ausgestreuete Saame fällt in ein fruchtbares Erdreich, der Knabe spricht von Rosenkranz, heiliger Mutter Gottes k., und die jüdischen Eltern, welche die Quelle dieser ihnen unerwünschten Sinnesänderung bald errathen, schicken ihr Kind in eine benachbarte Stadt. Aber auch dort setzt der Pastor von Gesecke seine Seelenfängerei fort; er verabredet sich mit einem 23"