Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 22 (27.5.1844)
- Date
- 1844-05-27
- Page
- Seite 301 (sequence 9)
- Language
- German
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301 d as doch in einer nur einigermaßen vernünftigen jüdischorthodoxen Kindererziehung eine Hauptrubrik bilden müßte!— Doch wozu vom Mangel positiver solider Erziehung sprechen, da wo noch unendlich viel über Aftererziehung und Verbildung zu klagen ist! Wer kann die lächerlichen Manieren und Unarten aufzähten, die sich das Cheiderjüngelchen im Cheider erwirbt! Wer einmal längere Zeit Ln Polen gelebt hat und sich von dem Wesen und Treiben des größten Theiles jener hoffnungsvollen Cheiderjugend genau überzeugt hat, dem braucht man nur den verhängnißvollen Ausdruck „Kundas" oder „Waasser-Chewrenik" Ln's Gedächtniß zurück zu rufen und mit einem Male wird ihm eine ganze Welt ganz eigenthümlicher cheiderartiger Don-Quichoterien vor dem Geiste schweben! — Ja, so lange noch Cheider und Melamed bei uns ihr Dasein fristen, so lange wird bei uns eine gute Kindererziehung in realen Kenntnissen, Sittlichkeit, Moral und wahrer Gottesfurcht ein frommer Wunsch bleiben; so lange werden Finsterniß, Bornirtheit, Verkehrtheit im Denken und Handeln ästhetische Erstorbenhett, Mangel an Bürgersinn, ja Mangel am Selbstbewußtsein der eignen Menschenwürde, uns umlagern, unsere schönsten Talente, unsere besten Anlagen vergiften, und das höhere Bestreben der Bessern unter uns um uns auf- und vorwärts zu bringen grausam vereiteln. — So sprach mein patriotischer Brodyec Freund und versank bei diesen Worten Ln eine tiefe Schwermuth. — Ja, erwiderte ich gerührt, dieser Zustand ist sehr, sehr betrübend. Es ist jedoch zu hoffen, daß unsere Brüder hier ihre Augen endlich öffnen und die sie umgebende Trostlosigkeit und den sie bedrohenden gänzlichen Verfall endlich wahrnehmen werden, um ihre Kinder nicht mehr eigenhändig diesem pädagogischen Moloch, der Geist und Herz verzehrt, hinzuopfern, ja daß die weise Regierung direkte oder indirekte Maßregeln ergreifen werde, um statt der unseligen Chaducim (Cheider im Plural) ein ordentliches Schulsystem für die jüdische Jugend in Galizien einzuführen, und so jene der ewigen Vergessenheit zu überliefern. — Ist doch das, was jetzt hier vorgehet, erst vor zwanzig Jahren im preußischen Großherzogthum Posen an der Tagesordnung gewesen! Dieselbe Tracht, dieselbe Kindererziehung, ja ein intellektuell und moralisch noch unverhättnißmaßig gedrückterer Zustand und doch jetzt welche Veränderung! — Cheider-Wesen und jene barocke Erscheinung im Aeußern (Tracht) gehören dort zu den längst vergrabenen Auswüchsen eines dornenreichen Mittelalters, nur noch die Sprache läßt Manches zu wünschen übrig, allein haben nicht jene unsere Brüder dort vor sich noch eine große Zukunft? — Indem ich so im Gespräche über Kindererziehung und Cheiderwesen versunken war, bemerkte ich nicht daß wir uns von der dumpfen Talmud-Tora-Gaffe bereits entfernt hatten und uns nun auf einem freien freundlichen Platze von schöner weiter Aussicht und antik-interessanter Umgebung befanden.— Mein Freund machte Halt vor einem schönen, mit einem Stockwerke versehenen Gebäude, vor welchem sich ein geschmackvolles Blumengartchen in einer niedlichen Einfassung befand, das einen sehr angenehmen Duft um sich her verbreitete; überhaupt gewahrte die ganze Gruppe in deren Zentrum sich besagtes Gebäude herausstellte, dem beobachtenden Auge einen sehr angenehmen, wohlgefälligen Ruhepunkt. Wissen Sie, was für ein Gebäude uns jetzt gegenüber stehet? frug mich mein Freund. Wie sollte ich das? erwiderte ich, allein so viel weiß ich, daß es mich sehr angenehm berührt. Ist auch billig, erwiderte jener, wir haben heute des Angenehmen genug gehört und gesehen, auch dem Wanderer Ln der Wüste lacht hier und da eine freundliche Oase entgegen; kurz und gut, wir stehen jetzt vor — dem hiesigen jüdischen Hospital. — Auf ein zweimaliges Klingeln an der Gartenthüre erschien ein gut gekleideter Portier und öffnete uns. Wir traten in das Innere hinein. Ein freudiges Erstaunen bemeisierte sich meiner; diese exakte Reinlichkeit, die, allen diätetischen Anforderungen genügende Krankenpflege, die wohlgeordnete wahrhaft hygieinische, planmäßige Einthei- Lung der Appartements, der große, schöne Garten in der Tiefe des Hospitalshoses zur Erholung genesender Kranken, die sowol nützlichen als kostbaren Glasgange für die rauhere Jahreszeit, diese Splendidität, ja man möchte fast sagen Vollkommenheit eines Krankenhauses in einem jüdischen Gemeinde-Hospital—wofür also keine Staatskasse offen stehet — dazu noch in Galizien, zu finden — war für mich eine höchst frappante Erscheinung.— Nicht nur Sie sind es, werthester Herr, der unser Hospital bewundert, sprach mich selbstzufrieden mein Freund an, sondern alle unsere Stadt mit ihrer Gegenwart beehrenden Notabilitäten, ja selbst höchste Personen, Prinzen unseres kaiserlichen Hauses ermangeln nicht unserem Gemeinde-Hospital ihren hohen Besuch und ihre Bewunderung zu schenken. Für uns indessen, die wir wissen, mit welchem enormen großartigen Fonds dieses Hospital von einem sterbenden großherzigen Privaten aus unserer Gemeinde, ich meine den seligen Herrn Jüdel Natan- 22*