Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-05-27 · Heft 22 (27.5.1844) · p. Seite 296

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 22 (27.5.1844)
Date
1844-05-27
Page
Seite 296 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225335-3225358--06064-3314857
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

296 rnebr sind, sondern nur Menschen, sie alsbald doch wieder anfangen werden, etwas besonderes sein zu wollen, wozu nur jetzt die Namen noch fehlen? So wenig wie die Pflanzenarten die allgemeine Pflanze, die Thiergattungen das allgemeine Thier werden können, so wenig die Menschen der allgemeine Mensch! Worauf kommt es also an? Daß die geistigen Besonderheiten als solche mit der bürgerlichen Freiheit gar nichts zu thun haben, sondern Ln ihr gleicherweise das Recht zu exisiiren haben. Dies aber wird durch die Emanzipation des Juden am nächsten befördert, und darum hat in dieser der richtige Instinkt immer die Frage der Gewissensfreiheit erblickt. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten. Deutschland. Hamburg, 16. Mai. (Privatmitth.) Folgender Vorfall hat hier einiges, auch für den jüdischen Standpunkt nicht ganz beziehungsloses Aufsehen gemacht. Am 7. Mai wurde mit vieler Feierlichkeil der Grundstein zur Petrikirche gelegt, wozu auch von jüdischer Seite der Chacham, die beiden Tempelprediger und der Chasan Cassuto so wie die sämrntlichen Vorsteher der Gemeinden und die Direktoren des Tempels eingeladen waren. Der fungirende Hauptpastor Dr. Alt hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede, die folgende Stelle enthält: „Ich will hier „nicht reden von der Liebe, die unsere gebeugte „Stadt insgesammt genossen, in welcher die Völker „aller Zungen, die Fürsten und Obrigkeiten mit ih- „ren Völkern wetteiferten. Wie sollte ich davon ge- „nug reden können in kurzer Stunde! Ick will nur „reden von dem Heiligthume, auf dessen Boden wir „versammelt sind. Es war eine evangelisch-luthe- „rische Kirche, und es wird wieder eine solche Kirche. „Woher aber stammen die Gaben, mit deren Hilfe „wir so weit gekommen sind, daß wir heute den „Grundstein legen können? Wohin sind unsere Blicke „gerichtet, indem wir hoffen, daß wir weitere Hilfe „finden und den Bau glücklich vollenden werden? „M. Fr. in unserm Tempelbauschatze liegen Gaben „von Gottesfürchtigen aus allerlei Volk und Be- „kenntniß, und sie sind darum nicht kärger ausge- ,fallen, sie sind auch nach dem Vermögen der freund- „lichcn Geber und viele unter ihnen sind reiche Ga- „ben. Wovon zeugt das? Die Menschen unseres „Jahrhunderts haben einen Grund entdeckt, auf dem „sie alle zusammen stehen und stehen sollen, wie sie „auch in Staaten von einander geschieden sind und „in getrennten Kirchen zur Anbetung Gottes sich ab- „sondern, und auf diesem Grunde reichen sie einan- „der die Hände, so wie sie einander dienen können, „auf diesem Grunde finden sie die Versöhnung über „alle Mannichfaltigkeiten und Verschiedenheiten, aus „diesem Grunde erkennen sie sich als gleichberechtigte „Kinder des einen Vaters, die nur darin mit einander wetteifern sollen, „dem Vater im Himmel ähn- „„lich zu werden," die nichts vor dem Vater aus- „zeichnen kann, als der Schmuck wahrer Liebe" u. s. w. Nun kann man leicht denken, daß dieser Vortrag nicht nach dem Geschmack der Zionswächter und Pietisten war. In einer Zeit, wo überall die Rückkehr zu den Scheidungen zwischen den verschiedenen positiven Religionen gepredigt und befördert wird, so von dem „gemeinschaftlichen Boden" zu reden, und diesen gar als eine „Entdeckung" unseres gottlosen Jahrhunderts darzustellen — das war mehr als diese heiligen vertragen konnten. Und wirklich hat, dem Vernehmen nach, der zweite Konfrater des Redners am folgenden Sonntag in der Predigt einen vehementen Angriff gegen die ketzerischen Reden unternommen „die den Charakter einer zu erbauenden Kirche ganz verwischten" u. s. w." Im Publikum dieser Nüanye aber heißt es geradezu, I>r. Alt habe den Juden zu Gefallen geredet. Es ist nicht unmöglich, daß dieser Streit hier noch weiter geführt wird und auch auswärts nachhallt. Neulich las ich an einem und demselben Tage die Eingabe der Grüneberger Protestanten gegen den Zudrang jüdischer Bürger und die Vorstellung der Jngolstädter Katholiken gegen den Aufbau einer protestantischen Kirche. Eine merkwürdige Aehnlichkeit findet sich in diesen beiden Piecen! Fast wörtlich dieselben Argumente, bis auf den Punkt der Kindererziehung in den gemischten Ehen herab. Man sieht, der Gang der Ideen und Empfindungen ist und bleibt bei allen Inhumanen und Un- oder Schein- Gebildeten ganz derselbe, ob nun ein Bürger eine ihm ungewohnte Sekte, ob ein Gassenjunge einen fremdartigen Anzug, oder ob — sans comparaisou— ein Hund ein ungewohntes Gesicht angeifert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.