Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-05-27 · Heft 22 (27.5.1844) · p. Seite 295

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 22 (27.5.1844)
Date
1844-05-27
Page
Seite 295 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225335-3225358--06063-3314856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

295 Flügel ab, und befiehl ihm zu fliegen! Nimm es ihm übel, wenn er auf dem Boden aufpickt, was er erreichen kann, Hafer- und Gerstenkörner, sogar Pferdemist, da er einmal auf die lachenden Baumfrüchte dort oben verzichten muß!"— Eben so schön, wie wahr sagt er (S. 4L) „Nein, die Juden haben sich nicht selb ff ausgeschlossen, sie wurden ausgeschlossen. Bauer fragt mit scheinbarem Rechte: „sind Kunst und Wissenschaft Dinge, die durch ein willkürliches Verbot, oder durch die zufällige Lage, in die sich Jemand durch seine Geburt eingezwängr findet, unzugänglich gemacht werden tonnend" Allerdings, antworten wir, Kunst und Wissenschaft sind Blüthen, die nur oben auf dem wohlgehegten Baume bürgerlichen Wohlbefindens gedeihen, die Freiheit des Geistes bricht sich erst dann Bahn, wenn die Lebensbedingungen der Gesellschaft gesichert sind. Es ist wahr, es dringen, wenn erst Kunst und Wissenschaft sich in der Gesellschaft hervorgebildet haben, auch Individuen der untersten Stände nach dieser Hohe; aber nur dann, wenn fle die Möglichkeit vor sich haben, ihre Wissenschaft auszuüben, vermöge derselben anerkannt zu werden, wenn fie durch das Talent den Adelsbrief der Gleichstellung mit allen edelgebornen Talenten erlangen. In Preußen kann noch jetzt kein Jude ein Lehramt erhalten! Wie Viele bewarben sich nach der feierlichen Zusage von 1812 darum, und wie sind sie abgefertigt worden! Daß dennoch so viele bedeutende Männer vermöge der Taufe, zu der man fie moralisch zwang, in Lehrämter eintraten, daß unter den preußischen Gelehrten so viele jüdische Namen prangen, wird doch wol Bauer, wie gesagt, nicht für eine Wirkung der Taufe halten! Auch die sogenannten freien Künste, bis zur Malerei und Poesie hin, waren im Mittelalter zünftig, und ein Jude konnte weder Maler noch Dichter werden, ganz abgesehen von der Verdumpfung und Erstarrung, die in Folge des Druckes das ganze Judenthum überschleichen mußte. Die Betriebsamkeit der Juden hat in den Zeiten der allmäligen Erleichterung gezeigt, daß sie die Interessen der Geschichte lebendig ergreifen kann." Ueberall sucht Grün die Frage auf den ursprünglichen einfachen Standpunkt zurückzuführen. So sagt er: „Ter Jude als theokratischer Jude kann allerdings nicht in den Staat als kompetenter Bürger eingehen, der Christ als fanatischer und ausschließender Christ kann den Juden nicht annehmen, kann überhaupt keinen Staat bilden. Aber, wie war denn die Emanzipation in Frankreich möglich, wie ward der nordamerikanische Freistaat möglich, wie die Gesetzgebungen in Holland, Belgien, Jamaika? Es muß doch eine Trennung des staatlichen und religiösen Menschen vorgenommen worden sein, es ist doch recht gut gegangen, was nach B. im Wesen der Religion unübersteigliche Hindernisse finden soll!" Ueberall zeigt er, daß Bauer das gegenwärtige Leben gar nicht kennt, daß B. nur die schroffsten, veralteten Gegensätze vor Augen hat, die gar nicht mehr existiren. Wenn B. dem Judenthume vorgeworfen hat, daß es keine Kritik gegen sich selbst übt, so weist Grün ihm nach, daß er vom jetzigen Judenthum nicht die geringste Ahnung hat, ja daß das gerade Gegentheil von dem jetzt statt findet, was B. leugnet und aus seiner Unwissenheit heraus als Hinderniß der Emanzipation geltend machte. Gr. führt hier eine Menge Momente auf, wie viel mehr konnte dies noch ein jüdischer Theologe, der in die Bewegungen der Zeit eingeweiht ist! Jndeß wußte Gr. genug, um die Kritik des Judenthums im Judenthum seit Mendelssohn für jeden Billigen augenscheinlich zu machen. Dann führt er mit herrlichen Worten ans, wie die Macht des Lebens die Theologasterei längst überwunden hat, daß die Stellung des Judenthums zum Christeuthum kein staatliches Problem mehr darbietet, sondern auf das Gebiet der theologischen Polemik gehört, und daß der „Rechtsstaat," der allein der Staat der Gegenwart ist, die Emanzipation nicht zurückweisen kann. Zum Schluffe führt er eine Menge Zeugnisse an über die Zustände der Juden in den Staaten, in welchen die Juden emanzipirt sind. Kurz, es ist Grün gelungen, die Judenfrage aus dem Gewirre der Sophistereien zu lösen, in das sie die neuesten Theoremata wieder hineingeworfen haben, und sie zu der einfachen Natur der Frage: ob Recht oder Unrecht gelten solle? zurückzuführen. Dieser Entgegnung Grün's auf B.'s Judenfrage ist übrigens schon eine Duplik im ersten Bande von „Wigand's Vierteljahrsschrift" geworden, und zwar ans der Feder des G. Julius. Die Duplik enthält — viele Worte, viele spielende und witzelnde Worte, die den Gegnern von Bauer vorwirft — diesen nicht verstanden zu haben. Es werden nun viele Stellen aus Rießer's und Grün's Entgegnung Stellen aus B.'s Schrift gegenübergestellt, um am Ende herauszubringen — daß die Juden keine Juden, die Christen keine Christen mehr sein sollen, sondern Nichts als Menschen, dann wären sie alle emanzipirt. Und bedenken diese Herren denn gar nicht, daß, wenn die Menschen erst keine Juden und Christen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.