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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-05-20 · Heft 21 (20.5.1844) · p. Seite 290

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 21 (20.5.1844)
Date
1844-05-20
Page
Seite 290 (sequence 8)
Language
German
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290 ginnt. Er, der nie gesungen, und in Wort und Ton immer die Keuschheit selbst war! Dann sprang er empor, riß das Fenster auf, warf erst seine Uhr, dann seine Manuskripte, Tintfaß, Federn, Geldbörse zum Fenster hinaus. Der Unglückliche ward in die Heilanstalt des Dr. Pinnel zu Ehaillot gebracht, wo er nach vierzehn Tagen unter schrecklichen Leiden den Geist aufgab. Er starb am 15. Julius. — Halberstadt, im Mai. Von der „Religiösen Wochenschrift für gottgläubige Gemüther aller Konfessionen,^ herausgegeben von Dr. Ludwig Philippson, sind die Nummern 5. 6. 7. 8. erschienen, und enthalten: Das Ich (ein Lehrgedicht), 1. Die Einsamkeit des Jchs. Parabeln. Miszellen. Der vierte Psalm. Miszellen. 2. Das Ich an sich. Parabeln. Miszellen. Die Gegensätze, I. Klage!. Jerem. 3, 1. Die Erfahrungen der Menschheit (Fortsetzung). — Diese Zeitschrift hat sich bereits ein sehr ausgebreitetes Publikum gewonnen. Korrespondenz. Wanderung durch Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei. (Fortsetzung.) Drittens: Haluche Toisfes (mööin robin). Diese Klasse zeichnet sich aus durch eine vollkommenere Ausbildung des Schier-Wesens, durch das Leinen (d. h. Aufgaben aus dem Talmud zum Selbststudium) und durch — das gewöhnliche Vernachlässigen des Bibelunterrichts; denn je höher man die Cheider-Darge's hinaufsteigt, destomehr tritt der Bibelbesonders Chümisch- Unterricht in den Hintergrund. — Viertens: Aeuber- Haluche Toisfes. Außer der höheren Schier-Lehre, besonders noch dadurch ausgezeichnet, daß hier der Unterricht im Poissek (pviv) begonnen wird. — Um das Verkehrte auch hierin zur Schau zu tragen, wird nicht mit dem eigentlichen jüdischen Rituale (Orach Chajim), das doch jeder Jude wissen muß, um sich täglich darnach zu richten, sondern gewöhnlich mit dem Choischen Hamischpot, d. i. demjenigen Theite der vom Mein und Dein handelt angefangen, und die verwickeltesten seltensten und spitzfindigsten Rechtsfälle beschäftigen vollauf den jungen Kopf, obschon nach den österreichischen Landesgesetzen, in Galizien nur das allgemeine Landrecht seine Geltung hat, jüdische Rechtssprüche (die Tora) hingegen gar keine Rechtskraft besitzen. Im Choischen Mischpot selbst ist es aber noch besonders jener scharfsinnige und weitläufig-dialektische Kommentar Siff6 Kohen (in Abbreviatur Schach der für praktische Rechtssprüche seiner raisonicenden Fälle halber, gänzlich unbrauchbar ist, der die meiste Aufmerksamkeit von Alt und Jung auf sich ziehet und den von ihm kommentirten Text, die anchora sacra der jüdischen Gerichtsbehörden fast in Vergessenheit bringt *). — Die Dauer des Aeuber Ha- *) Wenn man den Entwickelungsgang des talmudischen und poskischen Organismus von den ältesten bis auf die neuesten Zeiten historisch verfolgt, so kann man nicht umhin sich mit Schmerz zu gestehen, daß hier ein eignes Mißgeschick obwaltet, das den Knoten anstatt zur endlichen Lösung zu bringen, vielmehr immer mehr verwickelt, und daß die großartigsten Bestrebungen der größten rabbinischen Heroen, um einmal die Akten zu schließen und aus dem Meere der Dialektik endlich ein reines, für die Praxis unentbehrliches, einfaches Resultat zu erhärten, leider nur dazu beigetragen haben, um spater auf diesen einfachen Fundamenten neue, seltsame chaotisch-dialektische Gebäude, die die frühere Verwirrung noch hundertfältig potenzirtcn, erstehen zu lassen. — Rabbi Juda der Heilige verfaßte eine Mischnah, die nichts anderes als simpele Vorschriften und faktische Gesetze enthielt. — Die geschäftigste Dialektik schuf aber später dazu jenen geistigen gigantesken babylonischen Thurmbau, ich meine den babylonischen Talmud als Kommentar, und die Absicht des Rabbi Juda des Heiligen war total verfehlt. — Nach Jahrhunderten kam Rabbi Hai Gaon, dann Rabbi Isaak Alfassi mit dem ernstesten Willen, diese geistesverwircende Weitläufigkeit nach gewissen Regeln (v'Än 'bbs) in einfache und bestimmte Gesetzaussprüche (ynpös) zu verwandeln; allein der Alfas erhielt bald dialektische Kommentare in Dutzenden und seine Absicht ward vereitelt. — Run kam Maimonides. Der wollte (wie er in seiner'Vorrede zu Jad Hachesakah sagt) das Studium des Talmuds das nur zeitraubend ist und zu keinem Resultate führt, gänzlich entbehrlich machen und schuf dafür jenes unübertroffene, für ewige Zeiten als Musterbild logischer Denkfertigkeit, umfassender Gelehrsamkeit und des unermüdlichsten Fleißes dastehende Glanzwerk der talmudischen Literatur, ich meine seine Jad Hachesakah. Da war einmal Alles enthalten, da war eine nie geahnete organische Totalität in der talmudifchen Welt erschienen. Nun hatte man sich doch dabei beruhigen sollen, und die Früchte des übermenschlichen Fleißes jenes großen Meisters genießen mögen! Aber nein! Maimonides erhielt bald eine Unzahl von Kommentato-

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