Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1844)
- Date
- 1844-05-20
- Page
- Seite 289 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225357--06056-3314848- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
289 jüdischen Stamm, der lange in den abyssinischen Gebirgen seine Unabhängigkeit bewahrt hat. Ja, obgleich sein Wissen sich über alle Wettgegenden verbreitete, so wußte Markus doch am besten Bescheid hinter den Mondgebirgen Äthiopiens, an den verborgenen Quellen des Nils, und seine größte Freude war den Bruce oder gar den Hasselquist auf Jrrthümer zu ertappen.— Einen lebhaften 3tnttyil nahm Markus an dem damals in Berlin unter dem Präsidium des, nachmals gerade am ersten abtrünnig gewordenen Gans bestehenden Vereins „für Kultur und Wissenschaft des Judenthums," in dessen Zeitschrift er einige Artikel abdrucken ließ. Ich kann aus eigner Anschauung, nur Geringfügiges berichten über das äußere Leben unseres Markus, den ich zu Berlin bald aus den Augen verlor. Wie ich hörte, war er nach Frankreich gewandert, da er, trotz seines außerordentlichen Wissens und seiner hohen Sittlichkeit, dennoch in den Ueberbleibseln mittelalterlicher Gesetze ein Hinderniß der Beförderung im Vaterlande fand. Seine Eltern waren gestorben, und aus Großmuth hatte er zum Besten seiner hütfsbedürstigeren Geschwister auf die Verlassenschaft verzichtet. Etwa fünfzehn Jahre vergingen, und ich hatte lange nichts von ihm gehört, da trat mir der kleine Mann hier zu Paris wieder entgegen, und er erzählte mir daß er unterdessen Professor in Dijon gewesen, jetzt aber einer ministeriellen Unbill wegen die Professur aufgegeben habe, und hier bleiben wolle um die Hülfsquellen der Bibliothek für sein großes Werk zu benützen. Wie ich von Anderen hörte, war ein Bischen Eigensinn im Spiel, und das Ministerium hatte ihm sogar vorgeschlagen, wie in Frankreich gebräuchlich, seine Stelle durch einen wohlfeiler besoldeten Suppleanten zu besetzen und ihm den größten Theil seines Gehalts zu lassen. Dagegen sträubte sich die große Seele des Kleinen, er wollte nicht fremde Arbeit ausbeuten, und er ließ seinem Nachfolger die ganze Besoldung. Seine Uneigennützigkeit ist hier um so merkwürdiger, da er damals blutarm in rührender Dürftigkeit sein Leben fristete. Es ging ihm sogar sehr schlecht, und ohne die Engelhülfe einer schönen Frau wäre er gewiß im darbenden Elend verkommen. Ja, es war eine sehr schöne und große Dame von Paris*), eine der glänzendsten Erscheinungen des hiesigen Weltlebens, die, als sie von dem wunderlichen Kauz hörte, in *) Frau Baronin James von Rothschild. Redakt. die Dunkelheit seines kümmerlichen Lebens Hinabstieg und mit anmuthiger Zartsinnigkeit ihn dahin zu bringen wußte, einen bedeutenden Jahrgehalt von ihr anzunehmen. Ich glaube, seinen Stolz zähmte hier ganz! besonders die Aussicht, daß seine Gönnerin, die Gattin des reichsten Bankiers dieses Erdballs, späterhin sein großes Werk auf ihre Kosten drucken lassen werde. Einer Dame, dachte er, die wegen ihres Geistes und ihrer Bildung so viel gerühmt wird, müsse doch sehr viel daran gelegen sein, daß endlich eine gründliche Geschichte von Abyssinien geschrieben werde, und er fand es ganz natürlich, daß sie dem Autor durch einen Jahrgehalt seine große Mühe und Arbeit zu vergüten suchte. Die Zeit wahrend welcher ich den guten Markus nicht gesehen, etwa fünfzehn Jahre, hatte auf sein Aeußeres eben nicht verschönernd gewirkt. Seine Erscheinung, die früher an's Possirliche streifte, war jetzt eine entschiedene Karrikatur geworden, aber eine angenehme, liebliche, ich möchte fast sagen erquickende Karrikatur. Ein spaßhaft wehmüthiges Ansehen gab ihm sein von Leiden durchfurchtes Greisengesicht, worin die kleinen pechschwarzen Aeuglein vergnüglich lebhaft glanzten, und gar sein abenteuerlicher fabelhafter Haarwuchs! Die Haare nämlich, welche früher pechschwarz und anliegend gewcicn, waren jetzt ergraut, und umgaben in krauser aurgestraubter Fülle das schon außerdem unverhaltnißmaßig große Haupt. Er glich so ziemlich jenen breitköpfigen Figuren mit dünnem Leibchen und kurzen Beinchen, die wir auf den Glasscheiben eines chinesischen Schattenspiels sehen. Besonders wenn mir die zwerghafte Gestatt in Gesellschaft seines Kollaborators, des ungeheuer großen und stattlichen Professor Duisberg, auf den Boulevards begegnete, jauchzte mir der Humor in der Brust. Einem meiner Bekannten, der mich fcug wer der Kleine wäre, sagte ich es sei der König von Abyssinien, und dieser Name ist ihm bis an sein Ende geblieben. Hast du mir deßhalb gezürnt, theurer guter Markus? — Ungefähr fünf Jahre lebte Markus im weisesten Seelenfrieden zu Paris; es ging ihm gut, ja sogar einer seiner Lieblingswünfche war in Erfüllung gegangen: ec besaß eine kleine Wohnung mit eignen Möbeln, und zwar in der Nahe der Bibliothek! Ein Verwandter, ein Schwestersohn besucht ihn hier eines Abends, und kann sich nicht genug darüber wundern, daß der Oheim sich plötzlich auf die Erde setzt und mit wilder trotziger Stimme die scheußlichsten Gassentieder zu singen be- 21*