Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 21 (20.5.1844)
- Date
- 1844-05-20
- Page
- Seite 288 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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288 und Gedeihen derselben auf einer bereits so schön und erfolgreich augetreienen Bahn. Literarische Nachrichten. Pttkis, 22. April. Ueber Ludwig Markus aus Dessau (s. No. 18 v.J.) enthalt die Augsb. Allg. einen schön, aber an vielen Stellen höchst frivol geschriebenen Nekrolog, was dem Abfasser (wahrscheinlich H. Heine) die Manen des Tobten verzeihen mögen. — Wir heben aus ihM Folgendes hervor. „Zu den beklagenswerthesten Opftrn, die hier dem Wahnsinn — einer, viele schiffbrüchige Deutsche betreffenden Krankheit — erlagen, gehört auch unser armer Landsmann Ludwig Markus. Dieser deutsche Gelehrte, der sich durch Fülle des Wissens eben so rühmlich auszeichnete wie durch hohe Sittlichkeit, verdient in beider Beziehung, daß wir sein Andenken durch einige Worte ehren. Seine Familienverhaltnisse und das ganze Detail seiner Lebensumstande sind uns nie genau bekannt gewesen. So viel ich weiß, ist er geboren zu Dessau im Jahr 1798, von unbemittelten Eltern die dem gottesfürchtt'gen Kultus des Judenthums .anhingen. Er kam Anno 1820 nach Berlin um Medizin zu studiren, verließ aber bald diese Wissenschaft. Dort zu .Berlin sah ich ihn zuerst, und zwar im Kollegium von Hegel, wo er oft neben mir saß und die Worte des Meisters gehörig nachschrieb. Er war damals zweiundzwanzig Jahr alt, doch ferne äußere Erscheinung war nichts weniger als jugendlich. Ein kleiner schmächtiger Leib, wie der eines Jungen von acht Jahren, und im Antlitz eine Greisenhaftigkeit, die wir gewöhnlich mit einem verbogenen Rückgrat gepaart finden. Eine solche Mißsörmlichkeit aber war nicht an ihm zu bemerken, und eben über diesen Mangel wunderte man sich. Diejenigen welche den verstorbenen Moses Mendelssohn persönlich gekannt, bemerkten mit Erstaunen die Achnlichkeit welche die Geft'chtszüge des Markus mir denen jenes berühmten Weltweisen darboten, der sonderbarerweise ebenfalls aus Dessau gebürtig war. Aber dem Geist nach war Markus wirklich ein ganz naher Verwandter jenes großen Reformators der deutschen Juden, und in seiner Seele wohnte ebenfalls die größte Uneigennützigkeit, der duldende Stillmuth, der bescheidene Rechtsinn, lächelnde Verachtung des Schlechten, und eine unbeugsame eiserne Liebe für die unterdrückten Glaubensgenossen. Das Schicksal derselben war, wie bei jenem Moses, auch bei Markus der schmerzlich glühende Mittelpunkt aller seiner Gedanken, das Herz seines Lebens. Schon damals in Berlin war Markus ein Polyhistor, er stöberte in allen Bereichen des Wissens, er verschlang ganze Bibliotheken, er verwühlte sich in allen Sprachschätzen des Alterthums und der Neuzeit, und die Geographie, im generellsten wie im partikularsten Sinne, war am Ende sein Lieblingsstudium geworden: es gab auf diesem Erdball kern Faktum, keine Ruine, kein Idiom, keine Narrheit, keine Blume die er nicht kannte — aber von allen seinen Geistesexkursionen kam ec immer gleichsam nach Hause zurück zu der Leidensgeschichte Israels, zu der Schädelstätte Jerusalems und zu dem kleinen Väterdialekt Palästinas, um dessentwillen er vielleicht die semitischen Sprachen mit größerer Vorliebe als die anderen betrieb. Dieser Zug war wol der hervorstehend wichtigste im Charakter des Ludwig Markus, und er giebt ihm seine Bedeutung und sein Verdienst; denn nicht bloß das Thun, nicht bloß die Thatfache der hinterlassenen Leistung giebt uns ein Recht auf ehrende Anerkennung nach dem Tode, sondern auch das Streben selbst, und gar besonders das unglückliche Streben, das gescheiterte, fruchtlose, aber großmüthige Wollen. Andere werden vielleicht das erstaunliche Wissen, das der Verstorbene in seinem Gedachrniß ausgestapelt hatte, ganz besonders rühmen und preisen; für uns hat dasselbe keinen sonderlichen Werth. Wir konnten überhaupt diesem Wissen, ehrlich gestanden, niemals Geschmack abgewinnen. Alles was Markus wußte, wußte er nicht lebendig organisch, sondern als todte Geschichtlichkeit, die ganze Natur versteinerte sich ihm, und er kannte im Grunde nur Fossilien und Mumien. Dazu gesellte sich eine Ohnmacht der künstlerischen Gestaltung, und wenn er etwas schrieb, war es ein Mitleid anzusehen, wie er sich vergebens abmühte für das Darzustellende die nothdürftigste Form zu finden. Ungenießbar, unverdaulich, abstrus waren daher die Artikel und gar die Bücher, die er geschrieben. Außer einigen linguistischen, astronomischen und botanischen Schriften hat Markus eine Geschichte der Vandalen in Afrika und (in Verbindung mit dem Professor Duisberg) eine nordafrikanische Geographie her-usgegeben. Er hintecläßt in Manuskript ein großes Werk über Abyssinien, welches seine eigentliche Lebensarbeit zu sein scheint, da er sich schon zu Berlin mit Abyssinien beschäftigt hat. Nach diesem Lanoe zogen ihn wol zunächst die Untersuchungen über die Falascha's, einen