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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-05-13 · Heft 20 (13.5.1844) · p. Seite 278

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 20 (13.5.1844)
Date
1844-05-13
Page
Seite 278 (sequence 10)
Language
German
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278 der Behaloschu-Sedre expliziren und zwar mit hagad'- schm und derasch'schen Zuthaten reiflich versehen, unbekümmert darüber, daß ja das Kind noch gar keine Idee hat, wer jener Moses, wer die Kinder Israels, wer der in Rede stehende Leuchter, wer der Tempel, endlich wer der dieses Alles befehlende Gott selbst — als Gott Israels war und ist? Am nächstfolgenden werden die einigen ersten Versen der Sedre Schelach vorgenommen und so wird das ganze liebe Jahr hindurch der Chümisch- Unterricht in ewigen Stück- und Flickwerk von ersten Parscha's (Kapitel) der laufenden Sedre's fortgesetzt. — Die zweite Klaffe des Cheider-Unterrichts bildet die Arwüwje (Melange!), so genannt wegen des vermischten Unterrichts in Chümisch und Gemure. Der Uebergang halt da nicht sehr schwer; denn kaum verstehet der fünf bis sechsjährige Knabe einige Parascha's Chümesch in Bausch und Bogen zu erklären (denn die Satze und Worte einzeln etymologisch und syntaktisch zu analysiren, davon weiß nie weder ein Cheider-Schüler noch sein Lehrer), kaum hat sein zartes, geistiges Perzeptionsvermögen sich so weit konsolidirt, um einen einfachen logischen Satz zu verstehen, so wird mit ihm dessen ungeachtet sogleich zu den tiefsten Spitzfindigkeiten und zwar gerade im Gebiete der kollidirenden Rechtsverhältnisse geschritten; denn der erste Gemure-Unterricht beginnt gewöhnlich mit dem Kapitel der Rechtsstreitigkeiten (n2i»E *1^tai), um, wie sich dort die Cheider-Lehrer (Melamdim) auszudrücken pflegen, dem Kinde den Serchel (Verstand) zu scharfen. Die Unverständigkeit dieser Art von Berstandsfchärfung leuchtet indessen von selbst ein. Neben der Gemure bildet das Chümesch (und zwar immer in abrupter halber Sedre-Weise) die Hauptgegenstände des Unterrichts. Don hebräischer Grammatik (Dikdik) selbst in ihren ersten Elementen, auch hier keine Spur; dafür wird der Chümisch-Unterricht mit noch mehr hagad'schen und derasche'schen Paraphrasen gespickt, so daß am Ende das Kind nur noch das hagade'sche Diktum, keineswegs aber die wörtliche Bedeutung des Satzes, die ja in jenem zu Grunde gehet, zu behalten im Stande ist. — Der Gemure-Unterricht bestehet da im sogenannten Schier. Schier nennt man in der Melamed-Sprache ein Stück aus der Gemure, das man jede Woche aus irgend einer Messechte des Talmuds ausecwahlt und es zum Studium dieser Woche bestimmt. Das auserkorene Gemure-Stück wird dann zuerst einfach (allenfalls mit Raschi's Kommentar) durchgenommen. Ist er schon an sich schwierig, verwickelt und von Härten strotzend, desto bester; wenn aber nicht, nun so sucht man es durch erhärtete, willkürlich aufgeworfene Fragen und mühevoll bei den Haaren herbeigezogenen sein sollenden unauflöslichen Widersprüchen (nyri»n rvttJip) vorerst möglichst verwickelt und unverständlich zu machen. Dann kommt Toisfes an die Reihe, darauf der Marschu, Maram, Schite-Mekübezes, Haflue, Penei-Jehoischüa und all die übrigen, in der That höchst scharfsinnigen, allein bei all dem meistens einseitigen und von scholastischem Grüblesgeist durchwehcten Talmud-Kommentatoren. Die Vielheit und Mannigfaltigkeit solcher Talmud-Kommentarien führt natürlich Meinungsverschiedenheiten, Prinzipien - Differenzen und mancherlei Widersprüche mit sich, so wie ausgesuchte weitläufige Talmud-Zitate, die Jeder für sich und gegen den Andern als bewährte Zeugen anführt. Nun werden alle diese Meinungsverschiedenheiten, Differenzen und Zitate mit einander kombinirt, verglichen, gedrehet, gewendet und durch einen wahrhaft gewaltigschauerlichen Scharfsinn zu einem noch gewaltig -schauerlichern Ganzen verarbeitet, dessen Endzweck darauf hinausgehet, zu beweisen, daß alle in der That sich widersprechenden und auch widersprechen wollenden Kommentatoren, sich dennnch nicht widersprechen; daß Alle Recht behalten, obschon ja nur Einer Recht haben kann, weil ja A nicht zugleich A und B sein kann. Diese dialektische Methode (!) findet sich zwar erst in den hohem Cheider-Graden (Haluche Toisfes und Aeuber-Haluchc- Toisfes) vollkommen ausgebildet, es zeigen sich indeffm die unverkennbarsten Rudimente hierzu schon im niedcm Arwüwje-Grad. — So ein Schier ist übrigens eine wahre Geißel für die armen Cheider-Jüngelchen, und, um das Maaß des Unglücks voll zu machen, stehen sie mit der melamdischen Geißel (item Ruthe) in verräthcrischem Bündniß. Die Folgen dieser fürchterlichen Geißelschwester aber ist ein voller etourdirtec Kopf und cm schmerzlicher Rücken*) der armen Cheider-Bewohner.-^ *) Es möge uns hier vergönnt sein, ein paar Worte über die Disziplinarzucht im Cheider fallen zu lassen.— Im Cheider giebt's keine Ehrenstrafen (z.B. Arrest, Zurücksetzung). Außer einigen mehr als kräftigen Jnvektiven sind alle Strafen Leibesstrafen und zwar höchst infamirender Natur. Ruthenstreiche gelten als Universalhcilmittel gegen Krankheiten des Kopfes (den „Schier" nicht verstehen), gegen Krankheiten des Herzens (in Cheider nicht gehen wollen), ja selbst gegen die Willenskrankhciten der lieben Eltern (wie z. B. wenig Roisch-Choidesch-

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