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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-05-13 · Heft 20 (13.5.1844) · p. Seite 277

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 20 (13.5.1844)
Date
1844-05-13
Page
Seite 277 (sequence 9)
Language
German
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277 Ihre gemeinsame Beschäftigung draußen war nicht etwa tändelndes Kinderspiel oder dergleichen, sondern ein anderes von bei weitem ernsterer Art; sie bezahlten nämlich den täglichen Tribut der Natur, der den Menschen bekanntlich als Nothdurst auf eine so unästhetische Weise abgesordert wird, hier in adamitisch naiver Weise gemeinschaftlich und öffentlich. — Das Gebäude selbst ist einem antiken Einfuhrhause auf dem Lande nicht ganz unähnlich. — Sehen Sie, bemerkte mir mein Freund, hier wird auf Gemeindekosten, welchen noch großmüthige Geschenke und Vermächtnisse edelgesinnter Individuen zu Hülfe kommen, der ärmere Theil der Jugend unserer Stadt ernährt und erzogen (!). Was das Ernähren dieser armen unglücklichen Geschöpfe betrifft, so geschiehet dieses meistens durch freiwillige Gaben einzelner Wohlgesinnten unter uns, denen gewiß dieser Akt der Humauität zur Ehre gereicht; was aber das Erziehen betrifft, so brauche ich Ihnen darüber nicht viel zu sagen. — Sie wissen schon selbst, was Sie davon zu denken haben wie Figura zeiget. Es ist wahr, es giebt unter uns einige fromme Orthodoxe, die sich unentgeldlich eiuer Inspektion dieser Unterrichtsanstalt unteeziehen und sie auch mit dem größten Eifer verwalten, was auch jeder Unparteiische, der die Gutthat nach der subjektiven Willensreinheit des Thäters beurcheilt, gewiß höchst lobenswerth finden wird; allein schade nur um diesen vielen Lärm um nichts; ja um noch weniger als nichts, denn die Talmud-Tora-Anstalt in ihrer gegenwärtigen Gestalt, ist statt einer Bildungsvielmehr eine Berbildungsanstalt, um körperlich und geistig verkrüppelte Taugenichtse zu Tage zu fördern. — Ich bemerkte mehrere Abtheilungen im Talmud-Tora-Hause und frug daher meinen Freund, was diese bedeuten. Nun, erwiderte er, das sind ja die Klassenabtheilungen (Dargo's) unserer Talmud-Tora. — Wie, Ihr habt in der Talmud-Tora so viele Klassen? — Versteht sich, und erst welche! und von welcher eigenthümlichen Art und Benennung! — Da die Talmud-Tora gewissermaßen als der Prototyp des ganzen Cheider-Wesens (Cheider heißt eigentlich Zimmer; doch gilt's in Polen für die Bezeichnung der dortigen jüdischen Privatschulen), sowol hier als auch in den übrigen bedeutenden Gemeinden Galiziens ist, so kann ich es nicht unterlassen, Ihnen etwas Näheres über unser Cheider-Wesen, oder vielmehr Unwesen, mitzutheilen und zwar dieses um so mehr, da Sie schon dadurch allein den Grund unseres leidigen Kulturzustandes im Allgemeinen aufzufinden und über dessen Zukunft zu urtheilen im Stande sein werden. — Der Cheider-Unterricht zerfallt bei nns in folgende Abtheilungen: 1) das Dardeki - Cheider. Daselbst werden das hebräische Buchstabiren, Lesen, und die täglichen Gebete rezitiren gelehrt. Es umfaßt einen Zeitraum von 3—4 Semester (Smanim). Manchmal wird schon am Ende des dritten Semesters der Unterricht im Pentateuch (Chümisch) begonnen, der, beiläufig gesagt, am ersten Sabbat nach begonnenem Unterricht ein solennes Freudenmal (toih nY)2D auch bloß r»TtfD) für die nächsten Verwandten, das Cheider-Personal (Rebbi, Belfar und Unterbelferil) und einen großen Theil der übrigen Cheider-Schüler veranlaßt. Das gefeierte Jüngelchen (gewöhnlich nicht über 4—5 Jahre) besteigt dann einen Tisch. Dasselbe thun zwei seiner anwesenden kleinen Mitschüler (Ubfrager), die hier als Opponenten siguriren. Das Chimisch-Jüngelchen (so nennt man den kleinen Held des Tages) beginnt einen Sermon (Derusche), die gewöhnlich scholastisch, überspannt und fast nie den Bedürfnissen und der Fassungskraft des Kindes angemessen. Die beiden jungen vierjährigen Opponenten suchen sie — die Derusche — Stück vor Stück zu vernichten; endlich siegt doch das Chimisch-Jüngelchen, denn man hat ja nur deßwegen opponirt, um es siegen zu lassen und — die Tafel beginnt. — Der weibliche Theil der Dardeki-Cheider-Besucher beendiget mit seiner erworbenen geringen Fähigkeit die täglichen Gebete zu rezitiren (Dawinnen) und höchstens noch jenes kauderwelsche plebjeische Weiberdeutsch, wie es in allen Weiber-Sidürim (WS NN272 ^np) am Rande als deutsche Uebersetzung (!) zu finden ist, zu lesen (Leinen), seinen gesammten Unterrichtskursus und bleibt nun — bei den orthodoxen Ettern — jeder fernem Ausbildung ausgeschlossen. Selten findet man daß solche Eltern aus Kuriosität oder Eitelkeit ihre Mädchen in einigen Parascha's des Pentateuchs unterrichten Lassen. Ich sage in einigen Parascha's, weil der Unterricht Lm Pentateuch, dieser großen einzigen Basis des Jsraelitenthums im Cheider (selbst für Jünglinge) nicht wie sonst in regelrechter Aufeinanderfolge von Früherem zu Spätem geschieht, sondern es wird nach der zufällig laufenden Wochen-Parascha (dort genannt) begonnen und so stückweise, immer der Sedre folgend fortgesetzt, dergestalt, daß wenn z. B. ein Kind in der Behaloschu-Woche den Chummisch-Unterricht beginnt, so muß es schon beim Verhören (s. unten) am nächsten Sabbat die ersten Verse 20»

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