Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1844)
- Date
- 1844-05-13
- Page
- Seite 276 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Anzahl Klausner versammelt, um zum Heile des Erkrankten — Thilim zu sagen. Ich sage zu sagen, denn die Psalmen werden da nicht gebetet, sondern Dutzendweise für einen gewissen bedungenen Preis zu gezählt. (Daher es auch in jener Gegend beim Volke zum Sprichworte gilt: Bisam [Moschus] und Thilim sind sich gleich, nämlich als die verzweifeltesten und meistens fruchtlosen Mittel). Hat das Thilim-Sagen, wie gewöhnlich, nicht geholfen und ist der Kranke gestorben, dann werden einige Minjunim (Klausner) zum Todten beschieden, um daselbst bis zu seiner Beerdigung Mischnajos zu lernen. Dieses wird so, die Schiwah (ersten sieben Trauertage) hindurch, fortgesetzt und später am alljährlichen Sterbetage (Jahrzeit), erneuert*). — Der Klausner hasset nicht den Aufgeklärten wie z. B. derChassid, und zwar nicht aus Toleranz, sondern vielmehr weil in seinem ausgedörrten, längst erstorbenen Gemüthe die Leidenschaft des Hasses, die doch eine aktive Energie, eine vitale Kraftaußerung erfordert, nicht aufkeimen kann; dagegen kennt man wieder kein Beispiel, wo ein bekehrter Klausner zur Fahne der Aufklärung geschworen hätte, wie dieses bei Ehassidim gar nicht selten der Fall zu sein pflegt. Dieses ist übrigens auch ganz natürlich. Der Chassidismus ist ein Werk der Neuzeit, er feiert noch sein Jugendalter; daher ist er für die Aufklärung, die in Israel überhaupt, und in jenen Ländern besondrrs in ihren jugendlichen Aufblühen dastehet, wol empfänglich. Der Klausnerismus hingegen ist im hinfälligsten Atter begriffen, wo da also noch Sympathien für ein jugendliches aufstrebendes Prinzip suchen? Ferner: der Chassidismus erfordert Begeisterung ebenso wie das Prinzip der wahren Aufklärung, des Fortschritts und unserer geistigen Regeneration, der Klausnerismus hingegen entbehrt jeder Spur von Begeisterung; es ist ein Schlendrian, der sich kn einem unendlichen Faden von ewigen *) Man erzählte mir folgende Anekdote, die für das Klausnerwesen charakteristisch ist. — Einst wurden viele Klausner versammelt (in der Volkssprache zusammengetrieben), um für einen vornehmen Kranken Thilim zu sagen. Während des Thilim-Sagens fragt ein Klausner seinen Nachbar, wie theuer man das Thilim-Sagen bedungen habe? — Für einen polnischen Gulden (5Sgr.), war die Antwort. So wohlfeil und bei so einem reichen Manne? ftug der erste verwundert. — Bleib ruhig Freund, antwortete der Zweite es wird ja da erst ein Vor-der-Mitah-Theilen, dann eine Schiwah, und später wieder Jahrzeiten geben.—4 Korresp. Wiederholungen abspinnt, dem jede Spur von aktiver Geistigkeit längst entwichen ist, wenn nicht das Komische der Klausner'fchen politisch-journalistischen Thatigkeit noch einige Poesie in diesen prosaisch verknöcherten Organismus hinein bringen sollte. — Wer freilich das Mittelalter mit seinen düstern Tagen und schauervollen Nächten, wer jene Winterperiode einer erstarrten Menschheit liebt und in ihren obstrusen trüben Bildern die tiefste ahnungsvollste Poesie zu finden glaubt, der mag wol an der Brodyer großen Klaus einen unendlichen Fund gemacht haben, und beim Anblick jedes Klausners in Entzücken aufgehen; uns hingegen, wir gestehen es offen, war jener Anblick neu, originell, aber nichts weniger als erfreulich. — Als wir die Klaus verließen sagte mir mein Mentor: Sie haben jetzt so eben unsere Gotteshäuser gesehen, nun müflen Sie aber auch unsere Schulen in Augenschein nehmen; denn Schule und Gotteshaus sind doch am Ende die beiden Grundpfeiler der Religion und der humanen Gesittung. — Glücklicherweise sind wir noch dazu von jener Schule, die ein paffendes Seitenstück zu unserer Klaus abgeben kann; ich meine von unserer großen Talmud-Tora-Schule, nicht sehr entfernt. — In der That, kaum hatten wir einige.Schritte westlich zurückgelegt, als wir uns schon mitten in der Talmud-Tora-Gasse (wegen des in ihr befindlichen Talmud-Tora-Hauses so benannt), befanden. Hätte ich auch gerade nicht im Voraus gewußt, daß ich mich in der Talmud-Tora-Gasse befinde, so würde mir schon ihr erster Anblick verrathen haben, daß ich weniger als einen Schußweit von einem Tatmud-Tora-Haus oder einem gewöhnlichen Hekdefch stehe; denn die refp. Reinlichkeit vor und neben den Häusern und das ekgenthümliche mittelalterliche (zum Theit verfallene) Aussehen der hölzernen Gebäude, sprach nur zu deutlich dafür. Bald befanden wir uns vor dem Talmud-Tora-Haufe selbst. Ein durchdringendes verworrenes Geräusch, das eine Unzahl von Kinderstimmen nur undeutlich unterscheiden ließ, und eine dampfgefchwängerte glühendheiße Luft, die aus den Fenster- und Thüröffnungen hinausströmte (einem russischen Dampfbade nicht unähnlich) waren die beiden angenehmen Empfindungen, die unserm Gehörs¬ und Gefühlssinn gleich anfangs schon zu Theil wurden. Rings um das Gebäude waren Kinder jedes Alters zu bemerken, deren ärmliche, abgerissene Leiberbedeckungen, so wie deren magere ausgezehrten Gesichtchen sie als zur Talmud-Tora-Legion gehörig zur Genüge bezeichnten.