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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-05-13 · Heft 20 (13.5.1844) · p. Seite 275

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 20 (13.5.1844)
Date
1844-05-13
Page
Seite 275 (sequence 7)
Language
German
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275 Klaus. Sehen Sie, sagte zu mir mein Freund beim Eintritt, diese große Klaus ist nicht eine der geringsten Merkwürdigkeiten Brody's. Ein Brodyer Klausner ist wirklich ein Geschöpf eigner Art. Sie können ihn weder mit Lamdan, noch mit dem gewöhnlichen Batlen, noch mit Chuffid, noch mit irgend andern derlei Meinungsverwandten innerhalb des Judenthums, identisiziren. Denn der Klausner ist Asket, Kyniker, politischer Kannengießer, Schmarotzer; dabei komisch-naiv und überklug zugleich. — Es war wirklich ein eigner Anblick. — Der Morgengottesdienst war bereits in der Klaus vorüber. Ein Theil der Klausner saß im Gebetsornate lTalis und Tefilin) und hielt Nachlese des Morgengebetes, oder studirte Mischnajos, aber ziemlich laut und mit einer eigenthümlichen Betonung, oder leierte Psalmen (Thilim) mandelweise ab, wobei Mancher von Zeit zu Zeit nur durch ein unverschiebbares, höchst dringendes Geschäft, nämlich um sich von gewissen, zwar langsam fortschreitenden, dafür aber um so energischeren undpikanteren Thierchen, die schon dem alten ägyptischen Pharo sammt seinen ägyptischen Weisen viel zu schaffen machten, zu befreien unterbrochen wurde; denn, beiläufig gesagt, diese kaltblütigen Thierchen haben eine ungemeine Sympathie für vor langen, langen Jahren eine ganze Hochzeitsgesellschaft ('jnn, rto und twsTöittJ) wahrend des Aktes der Kopulation (der in Polen gewöhnlich im Freien vor der Synagoge vor sich gehet) plötzlich starben (nach Manchen auf dem Platze eingesunken sind). Diese an sich schon abentheuerliche Sage wird noch dadurch um so verdächtiger daß sich, wie erwähnt, in mehreren Gerneinden solche kleine Kewöreslich vorsinden; sollen denn überall solche verhängnißvolle Hochzeitsgesellschaften auf dem Platze geblieben oder gar eingesunken sein??—Sollen nicht aber etwa solche kleine Kewöreslich Begrabnißllatze unschuldiger Opfer sein, die in den verfloffenen finstern Jahrhunderten, einem grausamen Religionsfanatismus durch die vergiftenden Waffen einer bösen Berlaumdung, ich meine der Blutverlaumdung (tn btabia) dargebracht wurden? — Wollte man vielleicht nicht jene unglücklichen Opfer deßwegen ausfondern, um ihr Andenken als Märtyrer der spatesten Nachwelt aufzubewahren? Hat man ihnen nicht deßwegen jeden Grabstein verweigern muffen, weil man damals die Ursache ihres unschuldigen gewaltsamen Todes, nämlich die schändliche Verläumdung, öffentlich (wie es auf dem Grabstein hatte geschehen müssen) anzugeben, wot aus vielen Gründen hat unterlassen müssen. — Ich möchte diese Dermuthung nicht so ganz und gar abweisen. Korresp. die Leibesbedeckung der eben so kaltblütigen Klausner. — Eine andere Gruppe saß traulich zusammen und unterhielt sich von Weltbegebenheiten, wobei man die originellsten Vorstellungen von Lander- und Völkerkunde, von den Staaten und ihren Beherrschern, von der Geschichte der neuesten und ältesten Zeiten erfahren konnte. Bon der militärischen Taktik (Tao.hsise-Milcliume) sind die klausner'schen Begriffe besonders höchst eigenthümlich und drollig. Im Allgemeinen kann man sagen, dem Klausner entgehet keine Neuigkeit, sei es auf dem Gebiete der Politik, des Handels und der Naturwissenschaften, nur hat er seinen eigenthümlichen point äe vue, wie z. B. Sancho Pansa vom Ritterthum oder die Krähwinkler vom Großstädterleben. Das trauliche tagetange Zusammenplaudern theilt der Klausner zwar mit dem Ehassid, der auch den ganzen lieben Tag mit dem Pfeifchen im Munde hinter dem Ofen seines Chassidim-Stübets.mit Nichtsthun und Mährchen-erzählen zubringt; allein beim Ehassid haben die Konversationen gar keinen weltlichen Anhaltspunkt, vielmehr behandeln sie alle ein- und dasselbe Thema, nämlich den Zadik (Rebbi), seine Größe, seine Heiligkeit und seine göttlichen Wunderthaten; beim Klausner hingegen ist alles profan, weltlich, und wenn er sich ja einmal bis zum Wunderbaren versteigt, so bringt er es nicht weiter als z. B. bis zum Goilem (üb*tt) in Prag, oder zu einem Letz (lachendem Gespenst), der einst in der Mitternachtsstunde hinter der Klaus seinem Großvater als tanger Datsch *) erschienen ist. — Die Revenüen des Klausners sind mannigfaltig. Auf dem langen Lebenswege, von der Wiege bis zum Grabe, durch alle bedeutende Momente des Lebens hindurch ist der Klausner anzutreffen. Das Fest der Beschneidung muß mit einer Klausner-Mahlzeit enden. In keinem ordentlichen Hause darf eine Hochzeit vor sich gehen, ohne den Klausner mit einem Klausner-Soupv (Klausnersche-Wetschern) zu bedenken. Bei schweren Erkrankungsfällen, wenn alle Mittel der Jünger Aeskutaps fruchtlos sind, wird die Zuflucht zum Klausner genommen. Da werden nämlich in der Klaus und anderen Bethausern eine *) Merkwürdig ist es, daß der Letz in Polen als ein langer Deutscher allenfalls noch mit einer langen Pfeife im Munde erscheint, während er in Deutschland seinen christlichen Freunden sich als ein bebarteter leibhaftiger polnischer Jude kund giebt. Der Letz in Polen ist übrigens kein böses Geschöpf, sein ganzes Laster ist — er lacht zu viel. Korresp.

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