Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 20 (13.5.1844)
- Date
- 1844-05-13
- Page
- Seite 271 (sequence 3)
- Language
- German
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271 sicherlich ohne besondere Sensation durchgegangen wäre, wenn nicht einige eingefleischte Judenfeinde — denn hier ist nur reiner Haß und gar kein Interesse im Spiel — am Tage zuvor eine Menge Leute aller Klaffen zur feindlichen Abstimmung in den Konferenzsaal abgeschickt hätten, was um so leichter ist als keine Qualisikationsbcweise gefordert werden, keine Debatte oder Deliberation stattsindet und nur durch geheimes Abstimmen votirt wird. Von den erwähnten Jntriguen erhielten die günstig Gesinnten erst am Versammlungstage Nachricht und so fand diesseits sich keine gehörige Majorität ein. Diese Niederlage wird indessen hier und auswärts genug zum Nachtheil der Juden ausgebeutet werden. Vielleicht hat jedoch der heutige Sieg eines „Theils von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft" auch ihre guten Folgen, wenn z. B. die liberale Partei sich warnen ließe, künftig besser auf ihrer Hut zu sein. Vor kurzem wurde hier zum ersten Mal ein Senator aus jüdischem Geblüt d. h. dessen Eltern etwa fünf Jahre vor seiner Geburt zum Christenthum übergingen, erwählt: möglicherweise hat das ein wenig böses Blut gemacht. Die Juden wollen Alles haben! heißt es ja überall. Am letzten Sonnabend ward hier an den Synagogen und dem Tempel die Londoner Bekanntmachung wegen der Oberrabbinenwahl affichirt, die ungemein auffallend und überflüssig gefunden wird, da man mit allen Beachtungswerthen ja schon seit längerer Zeit korrespondirt, und Leute die seit mehreren Jahren Oberrabbiner sind, ja nicht Dutzendweise angetroffen werden. Wenn nicht der Geldpunkt und die lebenslängliche Anstellung ein wenig zweifelhaft erschienen, so möchte man glauben, der ganze Aufruf sei bloß pro forma geschehen. Frankfurt am Main, im April. (Privat- >nitth.) Es haben sich gewisse Korrespondenten der öffentlichen Blätter seit Zeiten viele Mühe gegeben, die Verhältnisse der hiesigen Gemeinde zu entstellen, und in einem Lichte zu zeigen, das nicht das der Wahrheit ist. Indem sie einzelne Thatsachen, die aber nur Einzelne betreffen, und von denen die größeren Kreise ganz unberührt blieben, herausgrif-!en, haben sie den Geist der hiesigen Gemeinde verstümmelt, und zu den verkehrtesten Begriffen von demselben veranlaßt. Ein Ganzes will aber nur als Ganzes verstanden, will nach den Resultaten, die sich aus einem länger» Zeiträume ergeben, beurtheilt sein; und da möchte sowol die hiesige Gemeinde, und in ihr die sogenannten „Neumodischen" nicht schlecht wegkommen. Sie erlauben mir, diese einmal übersichtlich zu betrachten. 1806 war die Gemeinde ohne Schule, die israelitische Jugend ging bei sogenannten „Rebunem" in den Unterricht, einige wenige Knaben in die christlichen Schulen, d. h. in das Gymnasium oder in die Musterschule, denn diese allein waren den Juden geöffnet. Da errichtete der selige Sigismund Geisenheim das Philanthropin, später Karlssckule, jetzt israelitische Bürger- und Realschule genannt, mit acht Kindern begann sie, jetzt zählt sie nahe an 500. — .1807 wurde die erste, bis 1832 die einzige Freimaurerloge für Israeliten in Deutschland — bis 1814 waren auch Christen Mitglieder derselben — gestiftet, ein Institut, das seit drei Jahrzehenden im Stillen unberechenbares Gutes stiftet; 1832 wurde die Loge zum Frankfurter Adler von Israeliten und Christen errichtet. — 1822—1827 wurden die seit hundert Jahren bestehenden Krankenkassen verbessert, und die Herren v. Rothschild bauten das große Neue Krankenhaus. — 1823 wurde der Handwerksverein gegründet, der bereits 559 Handwerker dem Schacherhandel entzogen und zu glücklichen, unabhängigen Menschen gebildet hat. — Wie segensreich hat der seit dreißig Jahren eröffnete Andachtssaal gewirkt, worin jeden Sabbat gepredigt wird. — Die unwahrsten Vorstellungen macht man sich von dem religiösen Sinn der Gemeinde. — Der Frankfurter ist klug und kaufmännisch, bedachtsam in allen seinen Schritten, der Lärm vom Reformvcrein war im Auslande übertrieben, er war nur: ein Sturm in ein Glas Wasser!— Der Frankfurter Israelit strebte und strebt stets sich der Achtung der christlichen Mitbürger würdig zu machen, ohne sich etwas in seiner Ehre zu vergeben! — er ist nicht zudringlich zu christlichen Gesellschaften, man muß ihn suchen. Deshalb ist in geselliger Beziehung allerdings eine starke Trennung vorhanden; aber bei allen öffentlichen Angelegenheiten zieht der Christ den Juden zur Hülfe, und weiß, welche Unterstützung er bei letzterm findet. Die Mozartstiftung, das Gutten-