Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 19 (6.5.1844)
- Date
- 1844-05-06
- Page
- Seite 265 (sequence 9)
- Language
- German
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265 der Spaniolen (wie wir später sehen werden) seit Jahrhunderten getroffen ist? — War die Synagoge mäßig gefüllt, so war dafür die Synagogen-Vorhalle (Pulisch) zum Erdrücken voll. In der That, man kann sagen der Pulisch dieser Synagoge bildet eine eigne große Synagoge, aber auch zugleich j eine Art Börse. — Sitze giebt's da nicht, das andäch-! tige Publikum führt hier ein Nomadenleben, nämlich von dem einen Ende des Pulisch bis zum andern, der hier jeden Augenblick von Hunderten im Beten Begriffenen und mit den vollständigen Gebetsornat (Talith und Tefilin) Gezierten, nach allen Richtungen durchschnitten wird. Diese wanderenden Heiligen, die die große Kunst besitzen, zwei so wichtige Akte des Lebens — Gottesdienst und Geschaftsverwaltung — in einem Sprunge abzumachen, und in ein Stück Lang-wehürachim die interessanten Episoden als wie viel Stücke Ziz (Perkat) hast du gestern gekauft? — Wie theuer hat N. gestern die Schweinsborsten verkauft? rc. rc. unvermerkt einzuschalten, diese, sage ich, bieten im brodyer Pulisch eine von allen Seiten entgegentretende höchst eigenthümliche Erscheinung dar. — Im Pulisch betet übrigens jeder für sich und zwar ziemlich laut. Jeder kommt und gehet aus und ein, wenn es ihm beliebt (eben wie in einer Börsenhalle). Da aber Jeder doch Borchi (*DtaD) und Kedüscha (iro*np) hören will, so hält sich ein Jeder für verpflichtet und berechtiget dem Pulisch-Publikum ein Borchi und eine Kedüscha zum Besten zu geben. In diesem Getümmel von Wandernden, Betenden und Plaudernden ertönen daher unaufhörlich zahllose Borchis und Keduscha's, die aber auch nur von einem kleinen Theite des Publikums berücksichtiget werden. Manchmal kommt ein Borchi mit einer Kedüscha in Kollision, dann kommen Beide am schlimmsten weg. — Sehen Sie, sagte mir mein Freund, der Gott Israels muß wirklich ganz Ohr sein, wenn er dieses Pulisch-Publikum mit einem Male überhören soll. — Wir verließen nun das Pulisch-Gewimmel und begaben uns in die bereits erwähnte sogenannte Neue-Schül (neue Synagoge). — Welcher Kontrast! Die Vorhalle (Pulisch) der Neuen-Schül war buchstäblich menschenleer, das Innere dieser Synagoge selbst, kaum von einem Dutzend Individuen, den Vorsangerund den Schuldiener mitgerechnet, in ihrer Einsamkeit gestört. — Sehen Sie, bemerkte mir mein freundlicher Führer, diese Neue-Schül ist zwar kein so großartiges und umfangreiches Gebäude als die alte, allein sie ist doch jedenfalls eine würdige, ja prächtige Synagoge, die mancher großen Gemeinde in Deutschland Ehre machen würde, und doch sehen Sie, wie verlassen sie dastehet, wahrend ihre nachbarliche Schwester von Menschen strotzt! — Es ist aber nicht nur jetzt (an einem Wochentage) so, sondern dieses Mißverhaltniß thut sich auch an allen Sabbats- und Festtagen kund.— Warum diese liebe Synagoge ihren Kredit bei unserm Publikum verloren hat? laßt sich eigentlich nicht erklären. Mein Vater hat sie, seiner Aussage nach, auch in diesem verlassenen Zustand gefunden. Indessen geht die Sage: ihr Mißkredit rühre daher, weil sie von vielen Datschen (Deutschen) und Aufgeklärten besucht wird. Diese vielen Datschen reduziren sich auf einigeAerzte und Gemeindebeamten, die manchmal im Jahre die Synagoge besuchen; was aber die Aufgeklärten (in polnisch-jüdischer Tracht) betrifft, so findet man deren jetzt in allen achtzig Bethausern (Butö- Medruschim) Bcody's gottlob genug. — Ich wüßte nur ein Mittel, fuhr er nach einigen Nachdenken fort, um diese Synagoge aus dem Zustand einer solchen traurigen Verlassenheit zu befreien, sie zum Andachtshause für Tausende ja zu einem Glanzpunkt dieser Stadt und dieses Landes, zu einer wahrhaften Mutter Israels, woraus ein gereinigterer Glaube und eine höhere religiöse Weihe für unsere galizischm Brüder hervorginge, umzubilden. — Lassen Sie mich doch Ihr Arkanum hören' unterbrach ich ihn. — Sehen Sie, erwiderte er mir, es ist ganz einfach, doch erhaben, zum Ausführen leicht, doch dürste der Entschluß dazu sich schwer durchkämpfen müssen. Man brauchte nämlich nur diese vom großen Haufen verlassene, den Datschen und Aufgeklärten Preis gegebene Synagoge in einen Tempel um zu sch affen, etwa in derArt des Wiener Tempels, mit angemessener Ordnung, gehörigen eigentlichen Synagogalbeamten, einen angemessenen Choralgesang und — einem deutschen Prediger. Da sollten Sie sehen, was diese Synagoge für Brody und ganz Galizien sein würde! Nichts thut uns hier so sehr Noch, als einen ächten deutschen Prediger zu besitzen. Ist der erst da, und verstehet er die Herzen zu überzeugen und zu gewinnen, so ist Alles gewonnen. Denn er wird uns unsere Mißbräuche, die wir nur deßwegen übersehen, weil wir mit ihnen groß gezogen sind, einzeln vor die Augen führen; er wird uns, uns selbst aus einem wahren und verständigen Gesichtspunkte betrachten lehren und — wir werden anders werden; er wird den Saamen der Gottesfurcht, verbunden mit der Humani- 19*