Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1844)
- Date
- 1844-04-29
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 spotte so viel auf, daß ihnen für's ganze Leben die eingeborne Anhänglichkeit fehlt für ihren Glauben und ihren Glaubensgenossen... Lasset den Saamen des orthodoxen und pietistischen Judenthumes auf die empfänglichen Gemächer eurer Kinder fallen, lasset immerhin den Saamen dort Wurzel fassen und ihn aufkeimen; dann soll nur ' die Sonne einer geläutertrn Lehre darüber leuchten, und ihr werdet wahrhafte israelitische Männer und Frauen zu euren Nachfolgern haben.... Auch sieht man die Männer des Fortschrittes, in den Kämpfen der Zeit mit dem Herkömmlichen, des Geprüft! ren und Erprobten mit dem Blindlingsgeltenden, öfters j nach einem Mittelpunkte suchen, wo sie den vielköpfigen j Feind bei der rechten Mitte fassen könnten, um weniger j auf die giftigen Köpfe: Vorurtheil, Aberglauben und > Schwärmerei zu stoßen, und öfters dem Endpunkte der Verbesserungen nahe, sieht man sie zurückgeworsen werden, zu den siörrigen Elementen des gährenden Pöbelsin- ’ ms. Ich habe viele solcher Gemeinden Ungarns kennen - gelernt, und die allgemeinen Gebrechen in einem Fehlgriffe konzentrirt gefunden, daß nämlich nicht allseits die Intelligenz an die Spitze gestellt wird. Dahin sollten die Kräfte allerBessergesinnten ge- - richtet sein, in dieser Acnderung allein liegt der Kern zum j geistigen Aufleben unserer Nation. — Betrachten wir i den Wirkungskreis früherer jüdischer Gemeindevorsteher, so war ihm ein sehr enges und niedriges Terrain ange- - wiesen. Wenn selbe die Silpto exarrendirteu, Einem den! Kollegentitel (^2N) ab- oder zusprechen, einen Herumwan-! dernden Schreier Synagogen-'Gastrollen gestatteten, und! einem fahrenden Talmudisten die Morgen - oder Abend- > nivnn verehrten, hatten sie Alles gerhan. — Ansprüche J der Welt und Zeit kamen ihnen nicht zu Ohren und nicht! in Sinn, und die eigene Angelegenheiten fochten sie gewöhnlich mit runden Mitteln aus, oder ließen über sich ergehen und verhängen was dem Dränger oder Förderer beliebte, „denn," hieß es, „für das sind wir Juden." — Die heutigen jüdischen Fragen sind aber die allgemeinen Weltfragen im kleinern Maßstabe. — Heute hat ein jüdischer Vorsteher religiöse Differenzen auszugleichen, j und höhern moralischen und politischen Ansprüchen zu j genügen. Ihm liegen Schulangelegenheiten vor, die einen Mann von Geist benöthigen, er soll Rechte suchen und vertheidigen die heute zur Frage geworden und einen Mann von Wissenschaft und einiger Weltklugheit erheischen. Die heutigen Vorsteher der Jsraelitengemeinden haben zur Aufgabe, in ihrem Walten und Wirken nach j außen und innen, die Ehrenrettung und Rechtfertigung der Charakterreinheit Israels vor Augen zu haben, und dieses fordert Männer, die eines gewissen Adels des Herzens, einer einflußreich ansprechenden Persönlichkeit sich erfreuen. — Heute steht Israel auf dem Punkte sich zu erheben, oder in ihren Angelegenheiten eine mehrjährige Stagnation eintreten zu sehen; heute kann nicht mehr die Rede sein, daß Jener ein besserer Vorsteher sei, der dieses oder jenes Geschäft treibe, mißt oder wiegt; heute kann Wohlhabenheit nicht mehr die Befähigung zum jüdischen Vorsteher abgeben, und die Kunst seinen Namen in zweierlei Schrift schreiben zu können, nicht als der wissenschaftliche Grad eines ‘V)2p£i"? gelten. Dahin, ihr wahren Freunde Israels, dahin ihr Männer des Lichtes und der Wahrheit, dahin lenket all' euer Streben und allen euren Einfluß, daß die Intelligenz allseitig an die Spitze der Gemeinde gestellt werde. Es soll nicht mehr heißen: der hat dieses Jahr so und so viel gewonnen, er soll b'n'p'n werden, nicht die Geldaristokratie soll bei Israel die Geltung haben, und nicht der Arroganz der Vortritt gestattet sein, arm an Geld, aber reich an einem Herzen für Glauben und Menschheit, als Stoff seines Handelns: Wahrheit und Licht zu besitzen, und als Mittel seines Wirkens: Wissenschaft und höhere Erfahrung sich zu bedienen, das sei das Muster eines Mannes, der die verlassene Heerde Israels zu leiten und schützen berechtigt sei! — Schließlich habe ich noch hinzuweisen auf eine Fahrlässigkeit, welche häufig die Beffcrwollenden sich zu Schulden kommen lassen, indem selbe so leicht müde gemacht und abgefchreckt werden, und nur sehr selten durch energische Schritte nach außen, ihr Vorhaben durchzusetzen sich bemühen. — Ich weiß es nur zu gut, wie schädlich es einer, ohnehin hintangcsetzten Nation sei, ibre geistige Angelegenheiten einem äußern weltlichen Gericht zu unterordnen, wie verderbend und entwürdigend cs sei, das wahrhaft Gute sich erst aufdriugcn zu lassen, wie sündhaft es ist, wie sich der selige Ercuzenach ausdrückt: „über den Altar Gotres das Eisen, die weltliche Macht, schwingen zu lassen" —ich bin überzeugt, wie die Pflanzung des Guten und Wahren am besten gedeihe, wenn sie nicht „durch Macht und Kraft, sondern im Geiste des Herrn" eingesetzt wird; aber wenn Jene, welche das Gute zu untergraben beabsichtigen, für ihren schmählichen Willen Gerichte herbeiruferi, um die höhere Richtung ihrer eigenen Nation zu verkürzen, wenn die andere Partei bereits Israel entwürdigt durch nied-