Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 17 (22.4.1844)
- Date
- 1844-04-22
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
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234 Preußen. Magdeburg, 12. April. (Privatmitth.) Mit diesem Feste hat der hiesige Rabbiner, vr. Philippson, in dem Verhältniß zu den benachbarten Gemeinden, die sich seiner geistlichen Obhut anvertraut haben, eine Einrichtung in's Leben treten lassen, die, so weit wir wissen, neu, und gewiß nachahmenswerth bei allen geistlichen Beamten ist, welche jüdische Filialgemeinden haben. Derselbe hat an alle diese Gemeinden zum Feste ein Rundschreiben gerichtet, das in den Synagogen nach der Haphtorah verlesen wird, und wird ein solches zu jedem hohen Feste erfolgen. Auf diese Weise wird auch in den Gemeinden, in denen nicht gepredigt wird, eine geistige Anregung gegeben, und die Verbindung zwischen dem Geistlichen und den Gemeinden enger und häufiger. Wir geben beispielsweise diesmal das desfallsige Schreiben. Es lautet: Im Namen des einigen Gottes, des Heiligen Jsrael's, geliebte Brüder! begrüße ich Euch zu dem heiligen Feste des Herrn tnbcb 'b? 'an. Es ist ein aller Grundsatz unjrcr Weisen, der sich wiederholt in deren Schriften ausgesprochen sindct: .ete ieid -pba S’Oe: bsTCw ba „Jegliches Gebot, um dessenlwillen die Israeliten ihr Leben Hingaben, das hat Bestand bei ihnen." — Auch das Peßachfest gehörte zu den heiligen Sitten unsres Glaubens, die zu zahllosen Verfolgungen und Gewaltthaten veranlaßten, und sehr oft wurde unseren Vätern das Gefühl der Feier an diesen Tagen zu Schauern der Angst, das Work des Gebetes zum Weherufe des Schmerzes gewandelt. Aber gerade darum hielten sie das Fest um so theurer und werther; sie hatten es erworben mit den Blutwellen ihres Herzens, so war es auch eingetragen aus die Tafeln ihres glaubenswarmen Herzens! Doch es sind Tage des Friedens gekommen, theure Brüder, auch über Israel; und wenn nicht in allen Theilen des Erdenrunds, so doch in den meisten feiern wir ruhig und ungestört die Festversammlungen des Herrn, zu denen die Gemeinden Jeschurun's bereits über dreiunddreißig Jahrhunderte sich vereinen. Sollten sie uns darum weniger theuer, weniger heilig und heiligend sein? Sollte die Empfindung der leiblichen Sicherheit, die uns durchwebt, und in der unsre Jugend kaum noch eine Ahnung hat von den Leiden, die über „die im Staube Schlafenden" Jsrael's gekommen, die Empfindung der Einigkeit und des guten Verhaltens mit all' unfern Erdenbrüdern das Bedürfniß der Religion in uns vermindern? Von Einem, meine Brüder, sind wir heute nicht minder abhängig, als in der grauesten Vorzeit, im dunkelsten Mittelalter, vom Einigen Gotte, den wir bekennen. Einem sind wir nicht minder ausgesetzt heute als je, dem Wechsel des Geschickes. Einem sind wir heute nicht minder unterworfen, als in irgend einer Zeit, der Sünde. Aber derselbe Gott hält, zwar die strafende Rechte des Richters, aber doch auch die Hand der barmherzigen Liebe über uns ausgestreckt; und all' was Er uns sendet in Seiner Weisheit, es geschiehct, um uns zu ziehen und besseren Zielen zuzuführen; und der Versuchung zu widerstehen, hat Er uns ausgerüstet mit Seiner geoffenbarcten Lehre. Darum ist es nicht minder j«tzo Zeit, uns zum Herrn, dem Heiligen Jsrael's, zu erheben, als in den Stunden der Gefahren, und die Mittel zu benutzen, die Er uns dargeboten, um uns Ihm zu nähern. Ist also abermals das Fest des Herrn zu uns gekommen, so lasset uns nicht anstehen, meine Brüder, unsrerseits, auch zu ihm zu kommen! Es ist mächtigen, gewaltigen Inhalts, den die dreiunddreißig Jahrhunderte noch nicht verzehret haben. Lasset uns rüstig zu ihm treten, aber auch offnen Sinnes und Herzens. Das Peßachfest, meine Brüder, Ihr wisset es, ist das Erinnerungsfest an den Auszug Jsrael's aus Aegypten, somit einerseits die Erinnerung an die Zertrümmerung des Sklavenjoches, an die Befreiung aus „dem eisernen Ofen Mizrajims," andrerseits die geschichtliche Ueberzeugung von dem Gotte, der Retter ist aus tiefstem Drangsal, Rächer zertretner Menschenfreiheit, vor dem kein Ansehn der Person gklt, dieweil er den Sklaven erhebt, und den Tyrannen verstößt. Aber mit diesem Auszuge aus Aegypten ward auch unser Volk erst Volk; bis dahin nur eine Zahl Menschen aus einem Geschlechte, eine Masse aus einem Ursprünge, wurde es nunmehr ein Volk, einig, eng zusammenhängend, verschmolzen. Darum ist das Peßachfest auch das Geburtsfest unsres Volkes, und das Dasein Jsrael's unter den Nationen des Menschengeschlechts schreibt sich von