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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-04-22 · Heft 17 (22.4.1844) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 17 (22.4.1844)
Date
1844-04-22
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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232 in den Hintergrund getreten, das kann und wird sie nie, so lange sie noch nicht errungen ist, doch nur Nebensrage geworden, und die Fluktuation des Geistes hat viel mehr die innere Welt des Judenthums ergriffen. Wahrend die Stabilität aus allen ihren Positionen gedrängt worden ist, auch ' Fragen, die leicht zur Entscheidung zu bringen waren, ich meine Kultusfragen, entschieden wurden: ringt jetzt der Konservatismus mit der Reform. Man hat nämlich den furchtbaren Jndifferentismus, der sich unter den Israeliten zu verbreiten begann — der aber wahrlich nicht Frucht der reformistischen Bestrebungen, sondern des Zusammenstoßes der Zivilisation mit der starren Orthodoxie, mit der Formorthodoxie war — sich zum Bewußtsein gebracht; die, welche in der Religion Jsrael's wahrhaft leben, singen an zu fühlen, daß es jetzt gilt, daß die Existenz der ganzen Religion auf dem Spiele steht, daß man dem Einhalt thun müsse. Es war der gefährliche, der in jeder Umgestaltung gefährlichste Punkt gekommen, wo man begriff, daß am Ende die Hinwegräumung einiger veralteten Formen weniger wichtig sei, als die Verwahrung der Religion vor den Stößen einer ganz irreligiösen Richtung, die die Geister und Herzen ergriffen. Ich sage, es ist dies der gefährlichste Punkt, weil einerseits allerdings die Religion und das Seelenheil ihrer Anhänger dadurch sehr gefährdet ist, andrerseits dadurch die auf der Bahn einer selbst sachgemäßen, gründlichen Reformirung Befindlichen sich bewogen fühlen können: „Halt!" zu rufen, und sich dem Wahne hinzugeben, als ob sie durch Fortsetzung ihres guten Werkes der Religion selbst schaden und jenen Jndifferentismus nähren würden. Es geschieht dies gar zu oft bei politischen, wie religiösen Krisen. Es ist auch nichts leichter, als daß man bei solchen Wirren und sich kreuzenden Erscheinungen selbst verwirrt wird. Daher oft die vielen und schnellen Uebergänge von Radikalen zu Konservativen, von Reformern zu Orthodoxen. Es ist dies nun namentlich der Punkt, auf welchem in diesem Augenblicke die wissenschaftlich gebildeten Rabbinen und Geistlichen stehen. Von der einen Seite gewahren sie den reißenden Niedergang des religiösen Lebens, und befürchten immer weiter greifende Folgen dessen, von der andern Seite fühlen sie sich zum immer weitern Fortgang in redlicher und gründlicher Umgestaltung gedrungen. Oft kömmt es, daß sie mit den Resultaten ihrer gewissenhaften Forschung zu Ende gelangen, während sie das Leben schon weit darüber hinaus erblicken, daß ihre Entscheidung der vorliegenden Frage obsolet erscheint. Was soll er thun? Soll er mit dem Strome schwimmen? Dagegen lehnt er sich auf. Seine ernsten Bemühungen aber glaubt er fruchtlos — denn den Einen nimmt er viel zu viel, den Anderen giebt er zu wenig. Er sängt an, sich in Stillschweigen zu hüllen, oder spricht er, schlägt er die Phraseologie der Allgemeinheit um sich, aus der Jeder nehmen kann, was er selbst will. Von den materiellen Folgen seines Strebens spreche ich gar nicht, so ^wichtig sie dem Einzelnen sind, denn wir leben einmal in einer Welt, wo der Mensch nicht bloß Ideen, sondern auch Brod haben muß. Aber ich habe bis jetzt nur entschuldigt, wo ich eigentlich an klagen wollte. Doch besser so, so sieht man, daß ich nicht vom antigeistlichen Fanatismus — denn auch einen solchen giebt es — beseelt bin. Ich wollte nämlich fragen: was ist es, was die wissenschaftlich gebildeten Rabbinen, von denen man so viel Heil versprochen hat, und die nun nach und nach die Rabbinatsstühle von fast ganz Deutschland eingenommen haben, geleistet haben? Nun ja, Predigt und Chorgesang und Ordnung sind dem Gottesdienst einverleibt worden. Ich schätze diese sehr, halte sie, wie sie es auch sind, für unumgänglich nöthig. Aber man vergesse nicht, daß diese eben so sehr, wenn nicht noch mehr von tüchtigen Vorstehern und Individuen, als von den Geistlichen ausgegangen und bewerkstelligt worden sind, und daß, da die Formen des Gottesdienstes doch völlig dieselben geblieben sind, eigentlich keine Wirksamkeit dabei vorhanden ist, sondern nur Bewerkstelligung dessen, was sich von selbst ergab. Ja, die wissenschaftlich gebildeten Rabbinen und Geistlichen haben zur Wiederbelebung des' religiösen Sinnes Vieles gethan — und ich schlage dies auf's höchste an. Wenn sich aber nun dieser wieder belebte Sinn an dieselben Männer wendet, und sie srägt: wie sollen wir es denn nun wirklich halten?— so erhalten sie Achselzucken und Entschuldigungen, Anweisungen aus die Zukunft, Klagen über noch nicht Reifsein der Zeit u. dgl. — Steine anstatt Brod! Haben, frage ich, die wissenschaftlich gebil-

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