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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-04-15 · Heft 16 (15.4.1844) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 16 (15.4.1844)
Date
1844-04-15
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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220 Menschen, den Geist geachtet und gehütet, und ihn habt ihr nie knechten lassen: der gewaltigste Heros der slavischen Literatur, einer der erhabensten Sänger und edelsten Streiter für Recht und Wahrheit, soll dem Blute nach Euch angehören. Möge er Euch ein glänzender Stern sein, der Euch eine neue Bahn beleuchtet, und Euren christlichen Landesbrüdern ein glänzendes Zeugniß, daß auch Euer Blut ein ritterliches und edles sein könne. Seine Ahnen waren gedrückt und verachtet wie Ihr. Aber von Eurer Seite ist es hier anfangs am wenigsten mit eitlem Gerede gethan, Ihr müßt thätig eingreifen, Vieles opfern, Manches niederreißen um Größeres zu erlangen, um großartiger aufzubauen. Alles fremdartig Aeußerliche müßt Ihr ablegen und abstreifen. Ist die ehrwürdige Tracht der alten Sarmaten ihren Nachkommen an Euch zum Spott geworden, so müßt Ihr sie abwerfen; warum sollt gerade Ihr so treu ihr anhangen? Ist der Bart des Mannes als jüdisches Abzeichen zum Gelächter worden, so müßt Ihr ihn abschneiden. Nichts darf Euch von Eurer Seite auch äußerlich von Euren christlichen Brüdern trennen, um die Vergesellschaftlichung zu hindern. Der Wunsch, daß in Euren Schulen slavische Sprachen gelehrt werden sollen, theilen so manche von Euch, trachtet nun, ihn zu realistren. Dann wird wol bald die Zeit gekommen sein, wo Ihr nicht mehr werdet betteln gehen muffen zu Euren Brüdern nach Deutschland, um den Durst nach europäischen Wissen und Bildung zu stillen, der sich jetzt bei Euch so oft und heftig regt. Dann würdet auch Ihr so gut, wie Eure weit weniger zahlreichen Glaubensbrüder in Holland, Belgien, Dänemark und Nordamerika wie in Frankreich, England und besonders in Deutschland eigene literarische Blätter haben können für Eure kirchlichen und sozialen Verhältnisse, für alle gelehrten Fächer und Zweige Eurer Geschichte und Literatur. Wenn es dann bald auch dahin käme, daß in Euren Synagogen Eure Rabbinen und Prediger das Wort Gottes allwöchentlich in der Sprache des Landes ertönen ließen, so würde auch dieses vielleicht als eigenthümliches Element zur Belebung mancher nationalen und geistigen Interessen Mitwirken können, würde Euch Achtung, Bedeutung verschaffen und die, beiden Parteien gleich wohlthätige wechselseitige Annäherung befördern. Aber ach! während dem ich dieses niederschreibe, sagt mir das Glühen meiner Wangen, wie viele von den Slaven, die dieses etwa lesen würden, nur über die Zumuthung einer Annäherung zwischen Euch Juden und ihnen, verächtlich lächeln, spöttisch die Achseln zucken und höhnend ausrufen: parturiunt wonte8, nascitur ridiculus mus! Aber wahrlich, hätt' ich auch gar nichts vom Slaventhume, so habe ich doch so viel von der Würde des Menschen in mir, daß ich hier nicht nur als Jude allein erröthe. Wem der Name Jude zum Schimpf worden ist, der hat sich selbst beschimpft. Sie haben Euch mit ehernen Füßen in den Staub getreten — und nun höhnen sie Euch, daß Ihr nicht grad' gewachsen, daß Euer Gesicht beschmutzt und Euer Kleid befleckt. Sie haben Euch geizig gescholten — und ihr habt ihnen Feuer und Wasser bezahlen müssen; sie haben Euch Hab- und raubgierig genannt — und haben Euch die Taschen geleert, wenn Ihr ihnen nicht selbst die Säckel gefüllt; sie haben Euch im dunklen Gefühle ihres Unrechts aus Schaam tödtlich gehaßt — und ihre Besten haben Euch Hunde genannt, die die Füße derer lecken, die sie von sich stoßen— wenn Ihr nicht Gleiches mit Gleichem vergolten. Und doch war Euer Blick nur heller und ungetrübter, Euer Her; nur wärmer und größer. Ihr wäret stolz und stark im Glauben an Gott und habt die Feinde nur für vergängliche, gegen Euch gerüstete Werkzeuge gehalten. Sie haben Euch in ihren Gotteshäusern verflucht und dabei ge lehrt: „du sollst auch deinen Feind lieben;" Ihr aber wäret Niemandem feind und habt in Euren Synagogen täglich zu Gott geschrieen: „Herr, laß meine Seele ruhig bleiben gegen die, die mir fluchen, und mein Gemüth wie Staub sein gegen jeden." So seid Ihr bis jetzt ohne Groll geblieben; bei Euren ehemaligen Feinden aber haben die harten Stürme, die gegen Euch erregt worden sind, das Wetter nicht ganz geklärt, und daher dauert noch der Dunst und der Druck einer vorurtheilsvollen Gesinnung gegen Euch. Ich bin fest überzeugt, daß die wohlmeinenden und treffenden Worte eines einzigen unter den slavischen Gelehrten unter Eure Masse wie Helle Blitze fahren würden, sie wecken möchten und gewinnen für eine große europäische Nation und so die Gemüther beider Parteien heilsam versöhnen — und bin fest überzeugt, daß sich doch Einer im Laude wird finden und Einer erheben als Menschenfreund und Patriot, um diesen schönen Ruhm zu gewinnen und die große Bahn zu eröffnen, die dann bald wird geschloffen sein. — Dann wäre ein Schritt mehr geschehen zur göttlichen Versöhnung — nicht nur der Einzelnen — nein, zur Völkerversöhnung und Vereinigung auf unserer ganzen, großen, weiten Erde.

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