Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1844)
- Date
- 1844-04-15
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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219 allen Pflichten und Rechten einer vom Staate anerkannten Kirche. Was soll man denken, wenn selbst frommgläubige Israeliten behaupten, daß z. B. unser Gottesacker, auf welchem doch gottesdienstliche Gebete und Vorträge gehalten werden, bei Beerdigungen, oder am Zerstörungstage Jerusalems, oder an den Vortagen des Neujahrsfestes und des Versöhnungstages, oder Ln Zeiten besondrer Noth, nicht den kirchenrechtlichen Anspruch auf Heilighaltung habe, während selbst die heidnischen Römer (Cap. 9. X. de Judaeis 1. f.) die Lsraet. Friedhöfe pro locis reliiiiosis erklärten, und auf deren Entweihung die poena sepulehri violati setzten? Daher erlaube ich mir, unmaßgeblich folgenden Wunsch auszusprechen: Es wollen diejenigen Rabbiner, welche zur Versammlung kommen werden, eine Kommission mit der Ausarbeitung des Entwurfes eines innern und äußern Kirchenrechtes beauftragen, welcher besonders die Tendenz habe, a) daß die Synagoge als israel. Kirche, d. h. als eine der Gottesverehrung bestimmte, durch gleichen Lehrbegriff verbundene und durch eine äußere Ordnung befestigte Gemeinschaft der Israeliten konstatirt werde, und b) daß die Rabbiner alle Rechte der christlichen Ortsgeistlichen, den israelitischen Gemeinden und Schulen gegenüber, erhalten. ©r. Samuel Mayer, Rabbiner. Ein Wort an Juden und Slaven, von David Kuh. (Schluß.) Euch aber, Ihr westslavischen Juden, die Ihr so stolz seid auf eure Klugheit und euren Geist, die Ihr so stolz seid auf die Wissenschaften, die Ihr gleich exotischen Pflanzen pflegt, und die auch, man muß es Euch gestehen, durch Eure fleißige Pflege reichlich wucherten, und Euch frisch, lebendig und regsam erhielten. Euch frag' ich, ob Ihr durch Druck so gesunken seid, daß Ihr erst abwarten müßt, bis man Euch erhebt, und sich Euch nähert? Euch frag' ich, ob es auch Euer Stolz duldet, fast die letzten unter Eueren Glaubensbrüdern in Europa zu sein, die sich fest und innig und freudig einer europäischen Nationalität anschließen?! Zwar ist die Schuld dieser Eurer Versäumniß zum kleinen Theil die Eure, und die Hindernisse, die Ihr zu überwinden habt, sind groß, sehr groß, aber desto größer sollte nur Eure Anstrengung sein und Eure Ausdauer in Erreichung eines so herrlichen Zieles. Unter Euren Glaubensbrüdern habt Ihr den Nus, daß Ihr geistreich und scharfsinnig seid, und noch ist die Zeit nicht lange verflossen, wo deßhalb die israelitischen Gemeinden Europa's großentheils aus Eurer Mitte ihre Lehrer und Rabbiner haben berufen. Schwellt es Euch nun nicht das Herz, wenn Ihr im Gefühle Eurer Kraft denket, daß Ihr Kunst und Wissenschaft in der Sprache und in der Gesinnung Eurer Landesleute hegen könnt und pflegen und daß auch Männer aus Euch mit an der Spitze ihrer Gelehrten und Weisen stehen könnten und durch ihre gottgesegueten Gaben Licht verbreiten, jegliche Nacht verscheuchen und mit ihr das Vorurtheil gegen Euch?! Schwellt es Euch nicht das Herz, wenn Ihr daran denket, daß Ihr außer Eurer großen Sendung und Aufgabe, die ihr für noch nicht vollendet betrachtet, mit berufen sein könntet zur Realisirung der höchsten und edelsten Ideen?! mitberufeu zur Vermittlung des Geistes von Westen und Osten Curopa's und mitberufeu, so gut, wie die andern Weststaven, zum geistigen Prinzipat über diejenigen Völker, die die Fahnenträger Europäischer Bildung sein werden für die Völker des Orients?! So haben auch Eure Glaubensbrüder in Deutschland gedacht und darnach gehandelt, Ihr aber — Ihr könntet zehnfach größer wirken, als sie. Nicht anfeinden, nicht beneiden würde man Euch um den Gewinn und die Vorzüge, die Ihr etwa auf dieser Bahn erwerben würdet; nein segnen würde man Euch, daß Ihr mitgestrebt und mitgeholfen habt zum schönen Ziel. Ha! welcher Gewinn auch für Kunst und Wissenschaft, welcher Gewinn für beide, jüdische und christliche Slaven, wenn Ihr dann fast Manu für Mann gleich eifrig slavische Literatur betreiben würdet, wie Ihr jetzt die talmudische, eine unserer Zeit so fremde und einseitige, betreibet. Nicht wie all' die andern hart Geknechteten, von denen auch nicht einer so gelitten, habt Ihr Euch wüster Sinnenlust ergeben, um im Unglücke Trost und Betäubung zu finden, nicht auch, wie all' die andern Sklaven seid Ihr stumpf und fühllos worden; nein, heiter und lebendig ist Euer Geist, warm und gefühlvoll Euer Herz geblieben, weil Ihr Euch ein Gebiet habt errungen und bewahrt, auf dem Ihr, wenn auch überall verstoßen und eingcsperrt in einer engen Judengaffe frei turniren konntet. Und so habt Ihr, die Ihr geachtet wäret, wie das Thier, und denen man Menschenrechte verweigerte, doch stets den Gottesfunken im