Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-04-01 · Heft 14 (1.4.1844) · p. Seite 196

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 14 (1.4.1844)
Date
1844-04-01
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225335-3225350--05954-3314741
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

196 Dichtern und Künstlern ist auch nicht Einer von fremdem Stamm. Aber nicht in Voll - und Halbbtutra^en werden die Nationen eingetheilt, und der höchste Triumph einer eigenthümlichen Kulturrichtung ist es eben, wenn sich ihr fremde Genien und fremde Kräfte freudig unterordnen und ihr gerne dienen. So sehr auch daher an diesem Mangel Verkennung, Mißachtung, Stolz, Hochmuth, Vorurtheil und Anfeindung der Fremden und dann mannichfaches eigenes Unglück und Hemmniß früherer Zeit Schuld tragen mögen, nicht ganz frei sind bis jetzt die Slaven von diesem Vorwurf zu sprechen; denn gar viele, gar mannigfache Bahnen des Geistes giebt es, auf denen sie sich Freunde, Genossen und Helfer erwerben würden, und die doch ihre Gelehrtesten und Weisesten aus Stolz und Vorurtheil noch heute zu betreten sich scheuen. Nicht Orthographie und Grammatik, nicht Philologie und Mythologie allein wachen ein Volk groß, stark und bewußt; dergleichen Wissenschaften sind bloß Monopole und Vergnügungen der Gelehrten, aber nein — wären sie auch das Salz und die Würze des Lebens, wer wird sie genießen wollen, ehe noch der Tisch gedeckt, und die Speisen ungerichtet sind?! Nehmt Hammer und Kelle zur Hand, und baut auch eifrig und rastlos an der Bildung des Volkes und an der Aneinanderkettung und Versöhnung der Gemüther. Nicht auf Kleinoden und Filigranarbeit, nicht auf Bildwerken und Gemälden wird ein Haus aufgeführt; sie gehören auf den Giebel, nicht in den Grund. Baut eifrig und rastlos an der Aneinanderkettung und Versöhnung der Gemüther! Unter allen Völkern und Stämmen Europa's leben zusammen genommen nicht so viel Juden, als unter den Slaven allein; aber so klein auch ihre Häuflein, stolz sind sie auf die Produkte ihres Geistes. Denn, ob auch seit mehr, als einem Jahrtausend gehaßt, verachtet und geknechtet, haben sie doch die Frische ihres Geistes, seine Freiheit und seine Elastizität bewahrt. Nicht erst, als man ihren Druck erleichterte, und sie sich gerne, freudig und kräftig der Nationalität derer, unter denen sie lebten, anschloffen, sind aus ihrer Mitte Männer aufgestan> den, deren Geist durch die Welt leuchtet. Nein, noch als sie auf gesellschaftlichen Umgang mit Christen, auf Unterricht in den öffentlichen Schulen, auf jede Scholle Boden und auf jedes ehrbare bürgerliche Gewerbe verzichten mußten, noch als sie den gelben Schandfleck auf ihren Kleidern, und brennende Scham und unsäglichen Schmerz in ihrem Busen trugen, noch als eingeschloffen im dumpfen Ghetto ihre Gelehrten und Weisen, ihre Priester und Greise, der Spott, der Hohn und das Gelächter, nicht nur des sogenannten Pöbels waren, sind unter ihnen Männer aufgestanden, kräftig am Geist, kräftig am Herzen, Männer ohne Haß und Vorurtheil, und trotz dem ewig strömenden Quell ihres Leides, ohne Bitterkeit, voll Liebe und Milde, Männer, wie der sanfte, scharfsinnige Spinoza und der milde Mendelssohn. Diese großen und herrlichen Männer waren aber dem gebildeten Europa nur vereinzelte Denkmale einer seit Jahrtausenden ungeschwächt gebliebenen Geisteskraft und jenes beispiellos kühnen und ausdauernden Geistesmuthes, der den Juden von jeher eigen war. Und doch waren sie zu ihrer Zeit nicht die einzigen Edlen und Geistesgewaltigen in Israel. Nein, sie hatten eine Menge eben so edler, eben so großer und eben so kräftiger Geister zu Mitstrebenden, die aber nicht wie sie, vom Zufall begünstigt, leider auf fremdartigen Bahnen das Licht der Wahrheit und der Erkenntniß zu suchen gezwungen waren. So sind sie ausgeschlossen, ja verstoßen von der allgemeinen Zeit- und Weltbildung in der unermeßlichen, wenn auch oasenreichen Sahara-Wüste des Talmud's und der Kabala versandt, oder verschmachtet. Das Herz blutet mir, wenn ich daran denke, welche Summe von edlen Kräften und Geistern, besonders unter den slavischen Juden, der Welt noch heut zu Tage auf diese Weise verloren und zu Grunde gehen. Aber obschon, was ein Jahrtausend verbrochen, in einem halben Jahrhunderte kaum gut gemacht und gesühnt werden kann, obschon die Macht der Gewohnheit gar groß ist, und ein kräftiges Gemüth sehr schwer verlassen kann, die einmal ausschließlich eingeschlagene Bildungsrichtung, die ihm solange im Unglücke Trost und Freude, Nahrung und Hoffnung gereicht; so ist doch, seitdem zu Ende des vorigen Jahrhunderts ein spärliches Licht der Toleranz für die Juden zu tagen begonnen, seitdem die Schranken morsch ge. worden, die sie von anders Glaubenden trennen, die Zahl derer unter ihnen, die sich beinahe in allen Zwergen der Kunst und Wissenschaft auszeichneten, fast zur Legion geworden. Nicht das mildere und bessere Gesetz allein, das der Menschenfreund Joseph, zuerst unter allen Fürsten Europa's gegeben, konnte, wie mit einem Zauberschlage, in einem halben Jahrhundert mehr frische Quellen von tüchtigen Talenten und Genies, besonders dem deutschen Geist eröffnen, als sonst die Zeit in einem halben Jahrtausend. Rein, die milden und versöhnenden Worte der deutschen Dichter und die bei allen Vorurtheilen oft gründlichen Untersuchungen der Gelehrten im Ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.