Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 13 (25.3.1844)
- Date
- 1844-03-25
- Page
- Seite 180 (sequence 4)
- Language
- German
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180 hat in der Praxis die unbeschränkteste Gültigkeit und wenn auch die Zensur gegen einzelne Quellen der jüdischen Theologie Ausfälle erlaubt, die sie gegen christliche nicht erlauben würde, so geht es doch lange nicht so weit als bei der neuesten sächsischen Zensur-Instruktion, wo durch die mehrfache prunkende Wiederholung des Verbots: die christliche Religion anzugreifen, gleichsam dazu aufgesordert wird, an dem Judenthum den Muth zu kühlen, wenn Einer etwa durchaus einer Religion als Prügelknaben bedürfte. Ueberdies sucht hier die Praxis vieles Herbe der geschriebenen Gesetze zu mildern; daher denn wol hundert etablirte Meister zünftiger Handwerker als privilegirte Böhnhasen öffentlich geduldet werden, und fünf bis sechs jüdische Advokaten offen und anerkannt auf Freundes Namen praktiziren. — Ein anderes wichtiges Privilegium, die Beibehaltung der partikulären Ehe- und Erbrechte, woran noch von alten Zeiten her die Stempelfreihcit der Ehestands- und der Verlöbniß- Verträge sich knüpfte, wird freilich täglich mehr für uns selbst zur drückenden Last, weil immer mehr die Kenntniß der rabbinischen Rechtsform und Sprache sich auf eine geringe Zahl von Individuen beschränkt. Was aber vor allen Dingen unsere Existenz hier erleichtert, das ist die vermöge der Frieden bringenden Kraft des Handels Gott sei Dank herrschende Verträglichkeit zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen, von welcher folgende Worte zeugen mögen, die in der neulichen Versammlung des allgemeinen Schillings-Vereins für den Aufbau der abgebrannten Nikolaikirche von dem lutherischen Pastor Mänkeberg gesprochen wurden: „Zu einem hohen Zwecke sei dieser Verein zusammengetreten in freier Liebe, und er bestehe nicht nur aus Lutheranern, sondern auch aus Reformirten, die sich nach dem Neubau ihrer eigenen Kirche sehnten; nicht nur aus Protestanten, sondern auch aus Katholiken, die eingedenk seien, daß auch Protestanten ihnen vor einigen Jahren behülflich gewesen sind, ihre Kirche auszuschmücken, ihre Schule zu erbauen; nicht nur aus Christen, sondern auch aus Israeliten, die tor sein Verlangen zurück und ließ cs bei einer einfachen „Versicherung an Eides Statt" bewenven. Anm. des Korresp. zum alten Tempel (?) sich bekannten und die selbst für ihre eingeäscherten Synagogen noch zu sorgen hätten." In No. 6t der deutschen allgem. Zeitung steht ein Artikel aus Osnabrück, der darüber klagt, daß in ganz Westfalen die Katholiken die Bauerngüter an sich brächten und daß die Protestanten darunter litten: wir machen darauf aufmerksam; daß vor mehreren Jahren aus derselben Gegend und zwar nicht ohne Erfolg Klagen über den Güterkauf der Juden an die Regierung gebracht wurden. Suchen denn diese Protestanten sich ihres Namens etwa blos dadurch würdig zu machen, daß sie gegen Jeden protestiren, der nicht auf ihre „Fayon selig werden will?"— Während in Deutschland die Juden von den Vollblutshelden für Fremdlinge erklärt werden, wollte man sie neulich in Ungarn — glücklicherweise ohne Erfolg — vom Bürgerrechte ausschlicßen, weil sie, der ungarischen Nationalität fremd, ein rein deutsches Element bildeten! Welch ein Jmbrvglio für die ganze pseudo-historische Schule! —. Der Bau des hiesigen Tempels schreitet rasch vorwärts, und die Einweihung, zu welcher Mendelssohn-Bartholdy den 24. Psalm komponirt, wird etwa Anfangs August stattfinden. Alles was in den jüdischen Kultusangelegenheiten vorgeht, bewährt die Richtigkeit des Systems dieser Anstalt, welches Nichts Anderes bezweckt als einen ansprechenden, auch den occidentalisch erzogenen Menschen ansprechenden öffentlichen Kultus herzustellen, der auch die Anhänger des Altherkömmlichen nicht völlig zurückläßt und die alten Gemüthsschätze achtet und schont; die höheren jüdischen und zugleich humanen Dogmen und Gefühle durch Wort und Lehre zu bekräftigen, auf Katholizität für jetzr noch zu verzichten, und, weder an das Gespenst einer modernden Vergangenheit, noch an das Phantom einer körperlosen Zukunft gefesselt, das Uebrige der Zeit und dem Leben selbst zu überlassen. Die Zukunft muß es immer klarer an den Tag bringen, daß nicht die dialektischen Konvulsionen der philosophirenden und philologisirenden Theologen, nicht der ächte Fanatismus der altmodischen und nicht der gemachte Schaum vor dem Munde neumodischer Seelsorger diejenigen Fragen lösen.können, die über das „Jekum purkan oder kein Jekum purkan?" hinausgehen, sondern lediglich das Leben selbst, das uns Alle auf unseren jetzigen Standpunkt