Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1844)
- Date
- 1844-03-18
- Page
- Seite 172 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225348--05926-3314711- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
172 mit gar unbedeutenden Funktionen angestellt, ohne daß von diesen je etwas Förderndes in der Gemeinde ausgegangen wäre. Nicht die Angestellten, behauptet Herr Wagner, sondern die ursprüngliche Tendenz trifft der Tadel — giebt's keine Wunder mehr? Nein, Herr Wagner, das machen Sie uns nicht weiß, Sie und Ihre Herren Kollegen trifft der Tadel, Sie und Ihre Herren Kollegen haben eine schwere Verantwortung aus sich, so nicht der Geist des Besseren in Mannheim erwacht und von dort heilsam über ganz Baden ausgeht. Wo drei beisammen sind, muß nach unseren Rabbinen vom Gvttesworte die Unterredung sein, und unter zehn das Göttliche sich manifestiren. Mit dem Vorwürfe des religiösen Stillstandes, der seiner Gemeinde gemacht wird, ist Herr Wagner nicht so tolerant gegen Jedermann; kaum versieht man sich, so ist er von Mannheim, wahrscheinlich per Dampfwagen, nach Karlsruhe gebracht und dort dem Oberrarhe aufgeladen. Diese Großherzogl. Behörde wird ihn indessen höchst wahrscheinlich mit Protest, an Herrn Klausrabbincr Wagner addressirt, zurückschicken; es hat jeder genug an eigenen Sünden zu tragen. Wenn in Mannheim, was Herr Wagner zugesteht mit einem hübschen Knir wiederum, religiöser Stillstand herrscht, so trägt die Mannheimer Gemeinde die Schuld. Ihre Pflicht ist es dem Großherzogl. Obcrrathe so lange zu opponiren und zu poniren, bis er zur Einsicht gelangt, daß der erwachte Geist sich nicht wie ein Blasebalg zusammcnvrücken läßt. Alle kirchlichen Anordnungen, meint Herr Wagner, müßten vom Obcrrathe ausgehen und lächelt gar fein ironisch über meine Einfalt, die das entweder nicht weiß oder nicht wissen will, und freut sich wahrscheinlich im Innern dieser Behörde so eine derbe Ohrfeige versetzt zu haben. Sie brauchen indessen keine fünf Gulden zu zahlen, Herr Wagner, die Ohrfeige wird nicht in Empfang genommen. Wir in unserer Einfalt wissen Nichts davon, daß kirchliche Anordnungen von einer Behörde ausgehn müssen, ja wir wissen nicht einmal, wie eine Behörde solche Anordnungen aufdürden könne. Wo immer solche von einer Behörde ausgingen, da überlebten sie diese selten, der Volksgeist hat sie bald wieder chemisch ausgeschieden. Vom Volke, vom Geiste der Gemeinde müssen sie ausgehn und als ein Unabweisbares der Behörde entgegen treten, die kaum mehr als „Ja" zu sagen hat, ihr „Nein" ist alsdann gewöhnlich ein Selbstmord. Das glauben Sie mir auf mein Wort; kirchliche Anordnungen müssen von den Gemeinden ausgehen, und wo diese warten will, bis sie ihr von der Behörde, etwa bei einer Theevisite kredenzirt wird, da herrscht, Herr Wagner, — nun Sie Wissens ja schon! Nachdem nun Herr Wagner meine Unkenntniß ganz nach Art der Junghegclianer demonstrirt hat, demonstrirt er auch mein poetisches Talent. .Die Angabe, als habe der hiesige Synagogenrath in seiner Protcstation gegen den geistlichen Ornat behauptet, die Rabbinen seien keine Geistliche, behauptet Herr Wagner, sei von mir eine reine Erdichtung. Wenn das Poesie wäre, wäre sie wahrlich nicht die schlechteste in unserer Zeit. Nur müßte ich die Ehre der Erfindung von mir ab- und sie dem Mannheimer Publikum zuweisen — Ehre wem Ehre gebührt! Herr Wagner will uns indessen reine Prosa geben, und in Prosa ist Herr Wagner noch nicht übertroffen. Nur darum, behauptet Herr Wagner, habe der Synagogcnrath gegen das neu einzuführende Ornat Vorstellungen gemacht, weil dieser die äußere Reform so lange ausgesetzt wissen wolle, bis die innere in Religion»- und Kultuswcsen statt gehabt habe. Es muß also doch nicht so arg damit sein, daß die kirchlichen Anordnungen von der oberen Behörde auszugehen haben, und scheint doch, daß auch die Gemeinde ein Würtlein drein reden dürfe. Daß nun darum der Synagogenrath vom Jndifferentismus frei zu sprechen sei, das dürfte noch bezweifelt werden. Wir wissen jetzt nur soviel, daß derselbe eine Reform im äußern Kultuswesen entschieden zurückwies, ob er aber mit derselben Enischiedenheit auch eine innere Reform gefodert habe, das weiß nur der, der Alles weiß oder zu wissen vorgiebt — Herr Wagner in Mannheim. Wir haben leider Beweise genug in der Gegenwart, daß man den kleinen Fortschritt mit dem Vorwände zurückwies, man beabsichtige einen durchgreifenden Fortschritt. Wo es ernst mit dem Fortschritte gemeint ist, wo er zur Lebensfrage geworden ist und im Innern sich regt und gahrl; da wird man nicht, wo er dargeboten wird, eintheilen und distinguiren — man hat ihn erhascht, bevor der kalte Verstand ihn zerlegt. Hat je der Heißdurstende das Wasser, das ihm geboten wurde, zuvor chemisch untersucht?