Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 8 (19.2.1844)
- Date
- 1844-02-19
- Page
- Seite 103 (sequence 3)
- Language
- German
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103 begründetes, festgegliedertes und zusammenhängendes Ganzes, Lin ttNLbeilbares wie jeder Organismus, daran Leib und Seele nicht mehr zu trennen und zu scheiden sind. Ein Glaube, der so fest in dem Gemüthe und der Ueberzeugung wurzelt, daß seine Bekenner alle Marler und Qualen mit solcher Geduld und Hingebung um seinetwillen ertragen haben, der ist mit philosophischen Deduktionen und Negationen nicht mehr zu erschüttern. Was die Seelen so fest an's Iudenthum gebunden hält, ist nicht, wie so Viele glauben, das monotheistische Prinzip in seiner logischen Schärfe oder irgend eine metaphisische Idee; sondern das Bindende daran ist eben die äußere Konsistenz, die festgegliederte Konsequenz, die sich in seinen Ueberliefernngen und Satzungen so anschaulich herausstellt. Es gewährt seinen Bekennern Ruhe und Zuversicht in Roth und Tod; es hält sie in der steten Abhängigkeit von Gott und bringt dieses „Abhängigkeitsgefühl," das die Seele aller religiösen Erhebungen und Bestrebungen ist, dem Gemüthe auf eine Weise zur Anschauung und zum Bewußtsein, wie es keine Religion je vermocht. Es verkläret seinen Bekennern das Leben in Freud' und Leid. Es weihet und heiliget seine Freuden, seine Genüsse, seine Geistesbestrebungeu und Sinnesrichtungcn. Seine Gebete sind der Ausdruck der reinsten, ungetrübtesten Erkenntniß Gottes, Anschauung Gottes in der Natur und Geschichte. Seine Uebungen (Zeremonien) gottgefällige Werke der Gottesfurcht und Menschenliebe. Es hat seinen Bestand Zn sich, weil es sich von seinen äußeren Verhältnissen und Umgebungen, räumlichen und zeitlichen Einsiüffen so wenig wie möglich hat influiren lassen. In ihm ist Freiheit und Selbstständigkeit, weil es in der Entsagung und Ergebung sie gefunden, und wir außer ihr uns keine denken können. Das Band, das sich um die Gemeinde Gottes schlang, war ein so festes und einiges, daß aller Haß und alle Verachtung der Welt seinen Bekennern das Gefühl der Sicherheit, der Ruhe und Behaglichkeit nicht stören und nicht trüben konnte. Unter den Seinen fühlte sich der Jude nie fremd, nie verloren und verlassen. Mochte er über Meere und Wüsten ziehen, wo er hinkam und die alten Klange hörte und die alten Zeichen sah, da war er heimisch und unter Brüdern. Und diese Verbindung und Verbrüderung, diese Einigung und innige Zusammenhaltung, das Selbstgefühl, das steunsgiebt, das dürfen wir um keinen Preis dahingeben. Es hieße den Lebensnerv uns selber durchschneiden, wenn man das antastet. Freier Geist und freies Streben, se viel ihr wollt. Es giebt kein Gebiet der menschlichen Erkenntniß, der menschlichen Forschung, des menschlichen Wirkens und Wottens, das das Iudenthum als solches seinen Bekennern absperre und verschließe. Es giebt keine Satzung im Judenthume, die den Juden als solchen auf einem dieser Gebiete in seiner Regsamkeit und Strebsamkeit beenget und behindert; giebt aber auch kein Gebiet des menschlichen Wissens und Wirkens, das ihm wieder seine Anhänglichkeit an Gott und Glauben oder auch nur an die Formen und Satzungen seines Glaubens zum Vorwurfe und Hindernisse machen könnte. Ich möchte wissen, wo da die Wahrheit, da die Freiheit wäre, so wir damit anfangen wollten, unser heiligstes Recht, das der Gewissensfreiheit, hinzugeben, um uns den Vortheil einer freien Stellung und Bewegung, die uns das Vorurtheil versagt, um solchen Preis zu erringen? Wir wollen die Gewissensfreiheit wie Ihr, aber nicht um den Preis einer Gewissenlosigkeit; wollen die Ehre unseres Stammes und Glaubens uns nicht mit einer Ehrlosigkeit erkaufen. Wäre Herr Dr. Stern z. B. minder tüchtig in seinem Fache, als Lehrer der Meß- und Sternkunde weniger begabt und befähiget, wenn er etwas mehr Selbstständigkeit in feinen Glanbcnsansichten, etwas mehr Anhänglichkeit an seinen Glauben sich bewahrt hätte? Professor Gans war meines Wissens ein ebenso gründlicher Religionsgelehrter vor wie nach seinem Uebertritte zum Ehristenthume, und es hatte das historische Iudenthum — und wir kennen kein anderes — sogar zu seiner Zeit, als er sein Erbrecht schrieb, an ihm einen eifrigen Verehrer und Verfechter. Seid Ihr in der Unwahrheit, fühlet Ihr das Zerwürfniß in und mit Euch, daß Ihr einer Religion angehöret, mit der Ihr nur noch dem Bekenntnisse nach zufammenhänget, so ist es an Euch, Euch mit dieser Religion zu verständigen, die innigeren Berührungspunkte aufzusuchen, Euch mit ihren Schriften und Urkunden bekannt und vertraut zu machen, das gnadenwirkende Element, das Erleuchtende, Tröstende und Beseligende darin Euch anzucignen, Euch dafür empfänglich zu machen. Es ist kindisch, wenn Ihr, um Euch die Freiheit in Eurer Art zu retten, einer ganzen Gesammtheit, von der Ihr nur ein kleiner Bruchtheil seid, zumuthet, sich mit Euch auf Euer» isolirten Standpunkt zu stellen, und eine Vergangenheit, die an Erinnerungen, eine Zukunft, die an Hoffnungen und Verheißungen so reich und ergiebig ist, an die Ausgleichung eines vorübergehenden Momentes und seiner Differenzen zu setzen. Ich gestehe, daß es mir sehr wunderlich vorkommt, daß geniale Männer wie