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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-02-19 · Heft 8 (19.2.1844) · p. Seite 102

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 8 (19.2.1844)
Date
1844-02-19
Page
Seite 102 (sequence 2)
Language
German
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102 weitläufig. Drei Dinge sind es, die wir an denselben anders gewünscht hätten. Zuerst, daß die meisten nicht in den salbadernden, frömmelnden Ton verfallen wären, der durch seinen säuerlich-süßen Geschmack dem Leser unsrer Zeit nicht zusaget. Zweitens, daß wenigstens Einer doch darauf aufmerksam gemacht hätte, daß es auch an der Zeit sei, die Beschneidung mit all' den Vorsichismaßregeln zu umgeben, die sie zu einem völlig gefahrlosen Akte machen, und zu größerer Einfachheit zurückzuführen, wie das Konsistorium zu Paris die abgeschafft und verboten hat. Drittens, daß doch Einige das Frankfurter Rabbinat darauf aufmerksam gemacht hätten, wie, wenn die positiven Stutzen der Religion mit aller Energie zu vertheidigen seien, nicht minder eine gleiche Energie guf die Hebung und Verherrlichung unsrer religiösen Institute zu verwenden sei, und daß es nicht genug sei, Alles gehen zu lassen, wie es geht, und dann erst, wenn der völlige Verfall sich aufthut, Stoß- und Hülfsseufzer in die Welt zu senden. Dies hat allein, aber mit zu wenigen, leicht zu übersehenden Schlußworten der wackere Mannheimer gethan. Daß, obgleich im Endziel übereinstimmend, sich dennoch die verschiedenen Richtungen der Zeit in den vielen Gutachten aussprechen, läßt sich voraussetzen. Am bedeutsamsten treten hier zwei Gutachten hervor: das von Mannheimer in Wien, der den historisch-positiven und gemüthlichen Standpunkt allein festgehalten haben will, das von Hirsch in Luxemburg, der die philosophische Begründung fordert. Da die Form dieser Gutachten die Veröffentlichung für das größere Publikum voraussetzt, so gestatten wir uns, sie hier abdrucken zu lassen. I. Gutachten des Herrn vr. I. N. Mannheimer, ersten Religionslehrers und Predigers am israelitischen Bethause und Seelsorgers der israelitischen Gemeinde zu Wien. An das Löbliche Rabb inat zu Frankfurt a.M. Sie fordern mich auf, über die im „Frankfurter Journal" enthaltenen Erklärungen, sowie über den in Ihrer Gemeinde vorgekommenen Fall, daß ein Vater sich geweigert, sein neugebornes Kind zur gesetzlichen Zeit beschneiden zu lassen, ein Gutachten abzugeben. Ich begegne hiermit Ihrem Wunsche, und bedauere die Verzögerung, die ich mir habe zu Schulden kommenlassen, und die ich nur damit entschuldigen kann, daß ich die Zeit über abwesend und auf Reisen war; es ist bei meiner Rückkehr mein erstes und dringendes Geschäft. Was nun die Erklärungen im „Frankfurter Journal" und ähnliche Demonstrationen betrifft, so hätte ich es für angemessener gehalten, wenn wir diese Erörterungen, als der wissenschaftlichen Forschung angehörig und zu keinem praktischen Resultate führend, auf sich hätten beruhen lassen. Es sind das theoretische Versuche, die seit fünfzig Jahren und drüber immer aufs, neue' aufgetaucht und immer wieder im Strom und Drange der Zeiten und Ereignisse untergegangeu sind. Ob Männer, die seit Jahren außer jeder sozialen und kirchlichen Verbindung mit ihren Glaubensgenossen leben, sich dieses Verhältniß mehr oder weniger zum Verständniß und Geständniß bringen, kann uns, die wir im Glauben und in der Gemeinschaft des Glaubens leben, ganz gleichgültig sein. Es sind das nur die Nachhalls und Klänge ähnlicher Demonstrationen auf dem Gebiete der christlichen Kirche. Es geht daraus hervor, daß die Herren sich klar worden sind, ihren Abfall oder Abstand vom Judenthume bereits erkannt, aber auch eben so sehr vom dogmatischen Inhalte des Christenthums als von den positiven Satzungen des Judeuthums sich abgestoßen fühlen. Es ist die Indifferenz, die sich zwischen beiden halten will, die hier zum Bewußtsein und zur Sprache kommt, eine Erscheinung, die nicht einmal den Reiz der Neuheit für sich hat, da sie unwillkührlich an das bekannte „Sendschreiben an den Probst Teller^ erinnert, das eine Aufnahme iu's Christenthum ohne Taufe, eine Affimilirnng beider Bekenntnisse, als den einzigen Ausweg zur Schlichtung der Miß- und Uebelstände in Vorschlag brachte und betrieb, und damit endete,, daß der greise Verfasser jenes Sendschreibens den Abfall seiner Enkel vom Judenthume, ihren förmlichen Uebertritt zur christlichen Kirche als einen schweren Schlag, der ihn betroffen, als eine Demüthigung, die er bis in seine letzten Tage aufs tiefste und schmerzlichste empfand, zu bedauern und zu betrauern hatte. Lassen wir mithin dem strömenden Geiste die freie Macht und Waltung, er bringt frisches Leben in die er, starrten Glieder, und vertrauen wir der Gotteskraft in uns. Mit philosophischen Doktrinen bauet man keine Völker aus und keine Heiligthümer. Das Judenthum ist keine philosophische Doktrin, wozu es die Herren machen wollen. Das Judenthum ist ein historisch überkommenes, durch göttliche Offenbarung geheiligtes, durch väterliche Ueberlie- > serung und kindliche. Pietät und Anhänglichkeit in sich

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