Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1844)
- Date
- 1844-02-12
- Page
- Seite 93 (sequence 9)
- Language
- German
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93 Juden sich nicht wie andere unser Vaterland bewohnende Volksstämme der ungarischen Nationalität anschmiegen wollen, sie sich mit den Zugeständnissen des vergangenen Landtages begnügen möchten. — Einer der Komitats-Ablegaten gestand, daß er nicht unter diejenigen gehöre, welche den mosaischen Glauben als einen dem Staatszwecke widerlichen verschrieen, und gab zu, daß neben eigenthümlichen Fehlern sie auch eigenthümliche Tugenden haben, wie z. B. Frömmigkeit, Häuslichkeit, Nüchternheit und Mäßigkeit; ja er bewundere sogar die innere Kraft und Ausdauer jenes Volksstammes, der sich zwei Jahrtausende hindurch, bedrückt und verfolgt, nicht blos erhalten, sondern sich auch zu materieller Wichtigkeit emporgeschwungcn habe. Aber wenn wir ein Gesetz geben, müssen wir auch die öffentliche Meinung berücksichtigen, welche glaubt, daß die Juden Haß gegen die Christen hegen; dies gebiert bei letztem eine Antipathie, welche, wenn auch ungerecht, ja sogar ungegründet, dennoch ein unlaugbares Faktum ist. Und wenn diese Aufregung des Volksgcistes blos unter dem Pöbel herrschend wäre! Aber leider nehmen wir wahr, daß sogar die Blüthe der gebildeteren Bürger eine ähnliche Abneigung merken läßt; es wäre also nicht rathsam, ihnen etwas auf den Nacken zu bürden, was in ihren Augen die ganze Verfassung in ein gehässiges Licht stellen würde. Es berief sich der Redner auf den Exzeß in Preßburg, wozu vergangenen Landtag das Judengesetz Veranlassung gegeben, und führte diese unedle Erbitterung und diesen pöbelhaften Gassenbubenstreich als Grund wider die Emanzipation der Juden an. Ihm zufolge giebt es Vorurtheilr, die man zu schonen verpflichtet ist, und Rechte, wie die der Bergstädte, die man ehren müsse. — Und jene Vorurtheile sind auch nicht ganz grundlos; denn da ist das Gesetz, daß die Juden Urbarialgüter kaufen können, und haben sie wol solche gekauft? (Lärm: Ja! Sie haben gekauft!) Betrachten wir die Städte: finden wir unter der arbeitenden, um Tagelohn dienenden Klasse Juden?") Nein! sie wollen blos wuchern, handeln! Sie schmiegen sich nicht an die Interessen der Nation an, sie berühren keinen ") Daß dem nicht so sei, sehen wir, indem in Pesth so mancher Jude, besonders bei Waacen-Versenoungen und Woll-Abladen um Taglohn arbeitet. Anm. des Uebers. Pflug; — da ist das Gesetz, daß sie ihre amtlichen Bücher, ihre Verträge rc. in der Nationalsprache abfaffcn sollen; und leisten sie wol diesem Gesetze Folge? Nein! Er, Sprecher, sehe also noch nicht die Zeit für die bürgerliche Befähigung der Juden. (Fortsetzung folgt.) Pozsega, (Slavonien) im Januar. (Privatmitth.) Als der edle Dohm, im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, zuerst die Idee der bürgerlichen Gleichstellung der Juden angeregt hatte, dachte man nicht im Traume daran, daß kaum ein Menschenalter später, an dem ungarischen Reichstage über die Entscheidung der Frage: „Sollen auch Israeliten bei der Wahl der Komitatsbeamten und Deputirten das Stimmrecht haben?" — was gewöhnlich nur ein Eigenthum der gemeinen Edelleute ist — heftig debattirt werden würde. Und dennoch ist es so. Während im Norden die klimatische Kälte auch die Seelen umeisrindet und man sich alle Mühe giebt, das Ausstreichen des Passus, der den Juden das Land unzugänglich macht, zu verhindern (Norwegen); während in dem gebildeten und freisinnigen Sachsen die kalt berechnende Kaufmannspolitik dem Häuflein Juden, das in seinen Mauern wohnet, die ihnen gebührenden Rechte, wie einem gefährlich Kranken, nur tropfenweise eingiebt; sieht man im Süden, in dem Lande, das noch vor wenigen Jahrhunderten unter dem Drucke des Halbmondes seufzte, die edeln Stände als Verfechter der gekränkten jüdischen Rechte auftreten, und mit der Hitze des Südens, dem Feuer des ungarischen Adels, sich alle Mühe geben, diesem verlassenen Volke seine Rechte, Rechte, die jedes Landeskind genießet, in der vollsten Ausdehnung cinzuräumen. Und wird auch der Erfolg den gerechten Wünschen nicht entsprechen, so finden diese edeln Vertheidiger in dem Bewußtsein, Alles angewandt zu haben, was in ihrer Macht stand, und in der Hoffnung, sich dem Tadel der Mit- und Nachwelt nicht ausgesetzt zu haben, Beruhigung, und das jüdische Volk Trost und Stärkung in dem Gedanken: daß ihre Ansprüche laut und öffentlich gerechte genannt wurden, und getrost kann sich dieses Volk in die Arme der Zukunft werfen, die ihm sicher das geben wird, was ihm die Gegenwart widerrechtlich vorenthält; denn wer mit den ungarischen Verhältnissen nur einigermaßen vertraut ist, wer da weiß, welche 7 "