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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-02-12 · Heft 7 (12.2.1844) · p. Seite 86

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 7 (12.2.1844)
Date
1844-02-12
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 gebildeten Juden aufhörten, Juden zu sein. So lange man damit aNdertten will, Haß das JudeMunr, das ÄekenMniß dev Religion Israels mit einer Wem und feinern Seelen- und Geistesbildung unverträglich sei kämpfen wir mit Recht und aller Kraft dagegen an. Denn Jeder, der in die Tiefen unsrer Religion hinabsteigt, wird die Falschheit solcher Jnvektive «kennen, und unzählige Beispiele strafen sie täglich Lügen. Wollte man aber nur sagen, daß eine große Klaffe von Juden, sobald sie eine höhere gesellschaftliche und wissenschaftliche Stufe erreicht haben, der Religion Israels, aller Religion entfremdet werden: so hat man Recht. Man gehe in die Häuser unsrer Reichen, unsrer Aerzte und Künstler, unsrer Sprachlehrer rc. — in wie vielen wird man etwas erschauen, was als den Ausdruck der Religiosität, was als Zeichen einer frommen Gesinnung, eines auf Gott und Religion basirten Lebens gelten kann? Was nur an das Zeremoniale des Judenthums erinnern möchte — welchen Gehaltes es auch sei, welcher Form es auch fähig sei, wird höhnisch zurückgewiefen und verlacht; und was den inneren Lehrgehalt des Judenthums ausmacht, ist durch seichte Sophismen, durch einen leichtfertigen dialektischen Bau — oder durch gar Nichts ersetzt. Das weltliche Leben, der schnöde Lebensgenuß, das Haschen nach Brod und Ehre, das Geltenwollen, das Hausausmachen, das Wissen, die gesellschaftlichen Manieren, das soziale Gebahren — dies Alles hat sie überkommen und völlig eingenommen. Davon wäre die höher gebildete Klasse der Juden zu emanzipiren. Wir wollen keine Heuchler, keine Kopfhänger, keine Frömmler; wir wollen aber auch keine Juden, die Nichts sind als Nichtchriflen, als nur noch politische Juden. Sie müssen zuerst einsehen lernen ihre Bodenlosigkeit, ihre schwebende, unbegründete Stellung, in der sie nirgends hingehören, und weder als Menschen, noch in der Menschheit einen sichern Platz einnehmen. Sie müssen alsdann das Gebiet erkennen, auf das sie die ganze Geschichte, die Geschichte ihres Stammes und Glaubens, die Geschichte ihrer Väter hinpostirt hat, ein durch vier Jahrtausende fundirtes, ein durch Blut und Marter und tausend Opfer konservirtes Gebiet, das sich hinlänglich bewährt hat, indem es die Wurzeln und Schößlinge für alle Religion der Völker abgegeben hat, und immerfort an die Völker und Individuen abgiebet. Sie müssen endlich den Lehrgehalt des Judenthums in sich aufnehmen, ihn ihre Geistesbildung durchdringen lassen, diese von ihm färben und gestalten lassen, um so eine geistig-religiöse Konsistenz zu gewinnen. Indem sie Allesammt auf den dogmatischen und WowscheN Standpunkt Illöeuchluus «sich «jeder versHea, wiid Auch dir^ Kor«-wick« fA De MeMiirrn beginnen, aber in einem Neuen Geiste, in einem Dffchr« Leben, in wahrhafter Wiedergeburt. Dann erst wird auch die erlangte Geistesbildung kein fremdes Element mehr sein, welches die Gegner nur als ein angeeignetes anerkennen wollen; sondern jene wird sich mit dem Judenthume so vereinigt haben, so mit ihm in einander gewachsen sein, daß sie sich gegenseitig tragen und unzertrennlich werden. Dann erst wird das Judenthum als solches auch ohne Emission seinen Platz gewonnen haben, und in die höchsten Regionen der Menschheit selbstständig hineinragen. Wir drücken hier nur aus, was Vielen unbewußt oder bewußt im Geiste lebt. Wir verkennen auch nicht, daß in der jüngsten Zeit Vieles hierfür geschiehet. Durch den Frankfurter sog. Reformverein ist Vielen das Auge geöffnet worden, wohin diese grundlose Gesinnung, dieses Geistesspiel mit dem Nichts führen muß. Die Schritte, welche jetzt der Berliner Vorstand thut, um einen tüchtigen Religionslehrer dieser Gemeinde zu gewinnen, bedeuten nichts Anderes. Hoffen wir, daß es immer Mehren und immer deutlicher zum Bewußtsein kommt, und dadurch diese Emanzipation, die wahrlich nicht minder nothwendig ist. nicht minder das Anrecht auf all' unsre Aufmerksamkeit, auf all' unsre Anstrengungen hat, als die politische, wesentlich gefördert werde. Um aber zu diesem Werke besonders mitzuwirken, und wir sehen nicht ein, wie anders es zu entbehren wäre, muß noch eine Emanzipation vor sich gehen: die Emanzipation des Rabbinerstandes, die Emanzipation der jüdischen Geistlichen. Emanzipirt muß er werden von der wirren, licht- und prinzipienlosen BildungSschule desselben, oder Bildungs-Richtschule, auS der er jetzt hervorgeht; emanzipirt von den sinnverwirrten Forderungen, die man an ihn stellt, und wo er bald der Inhaber des ganzen kasuistischen Konvoluts, den die vergangenen zwei Jahrtausende zusammengeworfen, bald der Inhaber des Höhenpunkts aller Wissenschaft sein soll; emanzipirt davon, der Fangeball der Parteien, oder vielmehr der parteimachenden Individuen zu sein; emanzipirt davon, daß er den Meisten nur eine milchende Kuh ist, um derentwillen sie sich beugen vor der lokalen Herrschaft und Richtung, nach deren Besitz sie durch Jntnguen und Bestechung ringen und ringen müssen, nach deren Besitznahme sie sich ermattet der Trägheit in die Arme werfen.

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