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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-02-05 · Heft 6 (5.2.1844) · p. Seite 83

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 6 (5.2.1844)
Date
1844-02-05
Page
Seite 83 (sequence 15)
Language
German
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83 erfreulichen Lande des polnisch-jüdischen Zargons, das er ja aber selbst bald verlaßt, ja selbst seinen Ursprung von daher gänzlich verleugnet. — Mögen meine Brüder hier über diesen, für unsere künftige Entwickelung so wichtigen Gegenstand reiflicher Nachdenken, und den Ruf der Vernunft hierbei wohl beherzigen!-" Von dem erlebten Schauspiel und den besonders darüber gemachten wahren und lehrreichen Bemerkungen meines Brodler Freundes tief durchdrungen, verließ ich in seiner Begleitung das Stadtgärtchen, in der Absicht, die kostbaren Momente dieser schönen mondhellen Nacht zu einer Promenade durch die, jetzt einsamen und stillen Gassen zu benutzen. Kaum waren wir aber wieder in der Nahe des Ringplatzes angelangt, so vernahm ich ein durchdringendes, einförmiges und verworrenes Geschrei, das von einer großen Menschenmenge ausgestoßen zu sein schien, jedoch aber weder den Charakter des Entsetzens, noch des Hilfecufens, noch des Freuoejauchzens an sich trug. Bald bemerkte ich von ferne, ö ig es wirklich von einer zusammengelaufenen und sich immer mehr vergrößernden Menschenmasse herrührte, die um einige hoch in der Luft hervorragende, leuchtende Laternen versammelt zu sein schien. Von dieser seltsamen Erscheinung betroffen, wendete ich mich an meinen Freund, um von ihm darüber nähere Auskunft zu erhalten. „Dieser lärmende Auftritt scheint Sie zu beunruhigen, ja unter gegebenen Umständen Sie mit Recht in Erstaunen zu setzen," er. wiederte er mir lächelnd, „doch ist er von der unschuldigsten, wenn auch nicht gerade vernünftigsten Natur. Der 1 ganze Vorgang nämlich ist ein ritueller Akt, der von un- > fern ältesten Rabbinern auf eine sinnige Weise angeordnet! ist, von unfern polnisch-jüdischen Brüdern aber auf eine! unsinnige Weise ausgeführt wird; kurz Sie haben vor sich den Akt einer Neumondsernsegnung (raiTp o:nb), wie er in Polen begangen wird. In der Thar, wer die großartigen, zwar sehr oft wrederkehrenden, immer aber in erneutem Glanz und Herrlichkeit dastehenden, die unendlichen Wunder eines allmächtigen, einzigen Gottes laut verkündenden, zyklischen Erscheinungen des lichten Firmaments mit aufmerksamen Auge und empfindsamen Herzen betrachtet hat; — wessen Gemüth besonders > nicht so abgestumpft ist zu schauen und zu bewundern die melancholische Schönheit und die poetische Tiefe einer Hellen Vollmondsnacht, oder jene wundervollen Wechselgestalten der Mondesphasen, die in ihrem Verlaufe das Bild der Geburt, des Wachsthums, der Blüthe, des Verblühens unv des Todes, somit das Bild des gesammten Lebens auf eine so tiefe und sinnige Weise darstellen — wer dieses Alles gesehen, beobachtet und empfunden hat, wird das Tiefe und Sinnige der rabbinisch-rituellen Anordnung der Neumondseinsegnung wol begreifen; — wer aber hier die Art und Weise der Ausführung jener Anordnung siehet, wird sich nicht wundern, daß dieser Akt als ein Gegenstand des Spottes unter unserer bessern christlichen Bevölkerung, so wie als ein Gegenstand des gräulichsten Mißverständnisses, ja der Verleumdung im Munde unserer niedern christlichen Einwohnecklassen umherspukt, die da behaupten: „„die Juden beten den Mond an"" (!). — Nun treten Sie naher." Ich that's und was bemerkte ich? Em hohes Gestell in der Form eines riesenmäßigen Synagogenständers war mitten auf der Straße placirt, darauf waren die Pergamenttafeln angebracht, auf welchen das ganze Rituale des Kiddusch- Lewanah in riesengroßen hebräischen Quadratduchstaberr zu lesen war. Die Tafeln wurden durch einige fixe Laternen beleuchtet, so daß man in ziemlich werter Entfernung den Inhalt zu lesen vermochte. — Der Ritualakt selbst wurde, wie alle andern seines Gleichen in polnischen Synagogen, abgehalten, d. h. mit andern Worten, unter völligem Mangel an Einheit, Ordnung und ästhetischer Haltung. Denn der Se^ensspluch wurde, statt vom Vorsänger vorgetragen zu werden, vielmehr von der ganzen Versammlung ausgeschrreen. Jeder spater. Hinzukommende fing von Neuem an, und zwar in derselben hohen Octave wie sein Vorgänger und — da entstand ein merkwürdiges pele-mele, wobei man nur - freilich mit Gefahr einer Trommelfellzerreißung — gewaltige, disharmonische Laute, oder vietm.hr chaotische Exklamationen, kemeswegs aber vernehmbare Worte zu unterscheiden vermochte. Das eigenthümliche Bücken und Scyaukeln, das in polnischen Synagogen gewissermaßen einen integrirenden Tbeil des Gottesdienstes ausmacht, fehlte natürlich auch hier nicht, nur war eS hier ln einer stillen mondeshellen Nacht, unter freiem Hrmmel, auf öffentlicher Straße (wo besonders, der Schauk.lungsrrnb ein.s jeden Individuums emen freien, unbeschränkten Raum gewann und sich daher in seiner vollendetsten Pect.kubilttat entwickeln konnte) um so auffallender und m.rrkkrter. Christliche Gruppen bemerkte ich, die von ferne dies S Schauspiel aufmerksam b. obachteten. Was diese dabei sich dachten, wird wol jeder Vernünftige leicht errathen, was ich mir aber dabei oachte — ich erstaunte im mtelligent.n Brody eine solche Szene erlebt zu haben, und zwar gleichzeitig rmt jener im, gar nicht we-t davon entferntem Sladtgärrchen vo

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