Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1844)
- Date
- 1844-02-05
- Page
- Seite 82 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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82 Ferdinands — dem Etwas theurer und heiliger ist, als das Herkömmliche — und das ist — Recht und Wahrheit! Feitel. Korrespondenz. Wanderung durch Krakau, Galizien, Bukowina, Moldau und Wallachei. (Fortsetzung.) Der Mangel an Wissenschaft des Iudenthums raubt uns die Waffen um den, jedem Fortschritte (bloß weil es Fortschritt und Neuerung ist) sich systematisch opponirenden Orthodoxen die Spitze zu bieten; denn der betrogene oder betrügerische Orthodoxe braucht sich nur hinter dem Bollwerke der Religion zu verschanzen und mit vollem Munde uns anzuschreien „das ist rcligionswidrig," so sind wir sogleich aus dem Felde geschlagen; denn der Religion zuwiderhandeln will Keiner von uns, die Religion aber zu kennen, sie in ihrer historischen Entwickelung zu verfolgen, und in ihr das Ursprüngliche vom Hinzugethanen, oder den Kern von der Schale kritisch und wisienschaftlich zu unterscheiden, daran denkt keiner unserer jungen Gebildeten. Ich werde wahrscheinlich noch später Gelegenheit haben, Ihnen dieses durch Thatsachen zu beweisen, und will daher nur noch für jetzt zum Schluffe einen Punkt des Ihnen hier zur Anschauung Gebrachten deutlicher hervorhebcn. Es ist nämlich Ihrem Ohre gewiß nicht entgangen, daß unter all den Sprachen, die Sie hier im Stadtgartchen haben sprechen hören, die deutsche am unrichtigsten ausgesprochen wurde. Das ist auch leider! eine langst bekannte, sonderbare, doch nicht minder wahre Erscheinung, daß wir, eigentlich Kinder einer deutschen Mundart, die deutsche Sprache weniger rein und richtig aussprechen, als alle anderen spater erlernten fremden Sprachen, selbst meistens in dem Falle, wo wir der deutschen Literatur in unseren spatern Jahren unsere vorzügliche Aufmerksamkeit zugewendet, und uns so zu sagen, so viel es thunlich, in unserem Denken und Trachten völlig germanisirt haben. Dieses Phänomen ist folgendermaßen leicht erklärlich. Der polnisch-jüdische Jargon ist ja eigentlich eine deutsche Mundart, er hat somit mit dem Hochdeutschen eine große Verwandtschaft. Die hochdeutsche Sprache ist daher für den polnischen Juden zu erlernen am leichtesten, eben darum aber rein auszusprechen am schwersten, weil das Ähnliche verwirrt und leicht mit einander verwechselt werden kann. Es ist überhaupt in der Psychologie eine längst anerkannte Tharsache, daß der Mensch (nämlich der gewöhnliche, einzelne außerordentliche Ausnahmen abgerechnet) nur eine Muttersprache Haben kann. Dieser Mangel an Korrektheit und Natürlichkeit der deutschen Aussprache und Ausdrucksweise macht es später dem gebildeten polnisch:jüdlschen Jünglinge, dessen Loos es ist, in deutschen Schulen, Gymnasien oder Universitäten, ja selbst dem bessern Kaufmanne, der dazu bestimmt ist unter gebildeten Handelsleuten in Deutschland zu leben, auf eine höchst peinliche Weise fühlbar. Der gebildete polnische Jüngling mit einem scharfen Verstände begabt, von höheren Ideen durchdrungen, die Wissenschaft enthusiastisch anbetend, möchte sich so gern seinen Mitschülern mittheilen, allein er fühlt seine Schwäche, er spricht daher nicht und seine schönsten Gedanken ersticken in seiner Brust. Jede Gesellschaft, jeder bessere Zirkel ist für ihn eine Quelle unendlicher Mißhelligkeiten und Beschämungen; denn dieser Jüngling, der mit seinen großen Gedanken und tiefen Empfindungen manchen Gelehrten Deutschlands überragt, stehet in seiner Aussprache dem unwissendsten deutschen Jungen nach, der sich über die Inkorrektheit und besonders Fremdartigkeit seiner Aussprache belustiget. Die Nachsicht mit dem Ausländer, dem die deutsche Sprache keine Muttersprache ist, kann und mag er um so weniger in Anspruch nehmen, als er sich dadurch wenig geschmeichelt fühlen würde, den polnisch-jüdischen Jargon als seine Muttersprache zu präsentiren. Es ist daher wahrlich ein Unglück, daß selbst die Gebildetsten unter uns (wenige Ausnahmen abgerechnet) die re kn deutsche Sprache nicht als Muttersprache besitzen. In den „gebildetsten" Häusern hier werden die Kinder von der Wiege an, anstatt mit dem Reindeutschen, vielmehr mit dem polnischjüdischen Sprachgemisch auserzogen. Ihre Umgebung spricht jüdisch, ihre ersten Gespielen ebenfalls. Später erst fängt man an, das Deutsche dem Kinde als erlernte Sprache beizubringen und meistentheils gleichzeitig auch das Französische, Italienische, Russische u. s. w. Die Folge davon ist, daß der Jüngling und später der erwachsene Mann ein halbes Dutzend von Sprachen spricht, liest, schreibt und sonst alles Mögliche, nur — keine einzige Muttersprache besitzt. Er ist überall zu Hause und nirgends eingebürgert, höchstens nur im un-