Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1844)
- Date
- 1844-01-08
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 vielmehr Staat und Gesetzgebung fordern, daß bei Gewährung der Emanzipation, die sowol von dem Gebenden als Empfangenden als eine aus der gewissenhaften Anwendung und Ausdehnung des liberalen Prinzips fließende Gerechtigkeit angeschaut wird, eben die Emanzipirten in ihrer speziellen Lebens¬ und Anschauungsweise ihre Würdigkeit zu dieser neuen Lage bethätigen? — In Wahrheit giebt es in neuerer Zeit wenig zivilisirte Staaten, die nicht das Kultuswesen der israelitischen Genossenschaft zum Gegenstände ihrer Aufmerksamkeit machten und die in dieser Beziehung zweckdienliche Gesetze in Wirksamkeit setzten oder vorbereiten. Nur die ungarische Gesetzgebung hat diesem wichtigen Gegenstände noch nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt, ja denselben bei ihrer neuesten Verhandlung über die jüdische Emanzipationsfrage nicht einmal oberflächlich und beiläufig berührt. Wir beabsichtigen aber hiermit auch nicht den leisesten Zadel gegen die hochherzigen Landesvertreter Ungarns, die auch in den jüngsten Emanzipationsverhandlungen im ganzen den graben und biedern ungarischen Charakter hervortreten ließen, auszusprechen; wenn ja ein Tadel auszusprechen ist, so trifft derselbe vielmehr die ungarischen Israeliten, namentlich den intelligcntern Theil derselben, dessen Thätigkcit, ganz durch die Emanzipationsfrage absorbirl, diesen in der That höchst wichtigen Gegenstand zu wenig in Bereich seiner Aufmerksamkeit zieht. Die Gesetzgebung ist der Arzt sowol für das physische als das geistige Uebelbesinden der Staatsbewohner und kann nur dann wirkende Rezepte verschreiben, wenn sie genau von der Beschaffenheit und Konstitution des Patienten unterrichtet ist. Jeder Einzelne oder jede Körperschaft muß aber am besten wissen, wo ihn oder sie der Schuh am meisten drücke. Bei dem Uebermaße von, das Wohl des Landes unmittelbar erzielenden Geschäften bei dem Reichstage kann wol eine Gesammtschaft, wie die israelitische, nur die Bewegung derjenigen ihrer Angelegenheiten, die unmittelbar mit dem Wohle des ganzen Staates in Verbindung stehen, erwarten, nicht aber die Bedachtnahme derjenigen, die ein untergeordnetes, mittelbares und darum minder in die Augen fallendes Interesse beanspruchen, wenn sie nicht selbst die Aufmerksamkeit der Gesetzgebung darauf lenkt. — Wir hielten es aber im Interesse des Judenthums gar sehr der Mühe werth, den wichtigen Gegenstand in diesen Blättern zur Sprache zu bringen, überzeugt daß diese Zeilen in die Hand manches wackern Mannes kommen, der sie nicht ganz ohne alle Beherzigung bei Seite legen wird.— M. D.ß. Aus dem Szalader Komitat, I. Januar. (Privatmitth.) Schon mehrere gewichtige Stimmen unter unseren christlichen Mitbrüdern haben sich mißfällig über das zuweilen wenig ehrenvolle Treiben der Judenmissionäre ausgesprochen. Nicht die Idee an und für sich, die in dem religiösen Drange die erkannte christliche Wahrheit zu verbreiten, wurzeln mag, kann getadelt werden, und sie wird auch nicht von dem unbefangnen, auf vorurtheilslosen Standpunkte stehenden Israeliten getadelt, so lange sie sich durch die einzig hier geltenden Waffen der Uebcrzeugung geltend machen will; nur die bei diesem Geschäfte allzuoft angewandten Mittel der Verlockung, Beschwatzung, der ungebührlichen Herabsetzung anderer Bekenntnisse u. si w. werden von gradsinnigen und gerechten Christen getadelt und von wahrhaft religiösen Israeliten mit Entrüstung vernommen. Auch im freien Ungarlande haben sich, wie auch diese Blätter berichtercn, Szenen der Art zugetragen, und Ungarns Hauptstadt ist der Wcrbeplatz, wo man nach Seelen hascht, die aus Arbeitsscheu, Trägheit und schwindelnder Spekulation ihr irdisches Pfund eingebüßt, nun' auch bereit sind ihr Glaubensbekenntniß einzusetzen. Wozu ein solches unlauteres Treiben! Männer von tieferer Einsicht und gründlicher Bildung bedürfen in der That keine Anregung von Außen um denjenigen Weg zu ermitteln, den sie, sei es aus Ueberzeugung oder aus anderen Motiven einzuschlagen gedenken. Was aber hat das Christenthum gewonnen, wenn es einige arme Schlucker, denen es mehr um einen neuen Rock als um einen neuen Gott zu thun ist, an seinen Triumphwagen spannt! Es wäre aber von den Israeliten Ungarns wohlgethan, wenn sie die Gesetzgebung bittlich angingen den von Judenthume zum Christenthumc Ucbergctretnen die freie und ungehemmte Rückkehr zu jenem zu gestatten. Wir machen diesen Vorschlag nicht minder im Interesse des Christenals des Judenthums, indem durch ein solches Gesetz jene fromme Herren mehr gezwungen sein dürften den religiösen Grund des zu akquirirenden Individuums sorgfälti-