Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 8 (1844)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1844)
- Date
- 1844-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3225335-3225337--05743-3314517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 tüchtig im Handle», mit sorgsamer Hand neues Leben auf den Ruinen erblühen zu machen im Stande sein werden, wie sie auch schon thcilwcise mit Erfolg versucht haben. Ist erst unsre Ausgabe gelöst, haben sich die Gleichgesinnten in allen deutschen Landen geschaart, dann werden größere Kräfte als die find, über welche wir verfügen, das begonnene Werk fort und zu Ende führen. Davon durchdringe sich jeder, der denkt wie wir, daß, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen, es nur Eines bedarf: die Wahrheit erkennen zu machen, — und daß wir jenen wesentlich fördern, wenn wir von dieser Zeugniß geben. Wer den theilweisen innern Verfall eines alten Gebäudes durch äußre Uebertünchung zu verdecken sucht, führt solches dem gänzlichen Verfalle entgegen, während das Aufdeckea und Ausbessepn der schadhaften Theile dessen Fortbestand sichert. Wir begegnen nun zweien sich kreuzenden Einwürfen: daß nämlich unsre Erklärung zu weit, und anderseits daß sie nicht weit genug gehe. In so fern dieselben mit den schon besprochenen zusammenfallen, können wir sie unberührt lassen, und haben sie nur aus den ihnen eigenen Gesichtspunkten zu betrachten. Wie im Aeußern sind auch im Innern nicht zwei Menschen einander gleich; nicht zwei Menschen denken, fühlen und glauben ganz dasselbe. Die Erklärung mußte so gefaßt sein, daß sich darüber, worauf es zunächst ankam, jeder aussprechen konnte, ohne dadurch der Wahrheit und seinem Gewissen Zwang anzuthun. War aus diesem Grunde die Möglichkeit einer nicht beschränkten Fortbildung in der mosaischen Religion voranzustellen, so ergiebt doch schon der Wortlaut, daß die eigentliche Grundlage beibehalten und nicht hinweggeräumt, daß nicht mit der Schale auch der Kern weggeworfen werden dürfe, da eine Fortbildung, wenn auch noch so unbeschränkt, ohne Stütz- und Ausgangspunkt nicht denkbar ist. Auch bekundet die Geschichte diese Fortbildung, da Niemand behaupten wird, das heutige rabbinische Judenthum sei das des Moses oder der Propheten. Man hat uns auch auf die Folgen unseres Beginnens nach Außen aufmerksam gemacht, und angeführt daß solches gegen die gerechten Ansprüche unsrer Glaubensgenossen im allgemeinen auf bürgerliche Gleichstellung mit ihren christlichen Mitbürgern benutzt werden könnte. Dieses war uns selbst nicht entgangen. Allein war dies mit dem seitherigen Zustande des Judenthums weniger der Fall? sind aus demselben nicht ebenfalls Einwendungen gegen jene Ansprüche hergenommen worden? und soll die Sonne nicht leuchten, weil sie auch Giftpflanzen zeitigt? Wo immer übrigens solche Einwendungen bisher gemacht worden sind, ist es theils redlich und im Ernste, theils nur scheinbar und zur Selbsttäuschung geschehen. Es ist reicher Gewinn, wenn wir uns des Beifalls der Wohlgesinnten zu erfreuen haben sollten; das anerzogene und eingewurzelte Uebel wollen aber glaubten wir nicht beachten zu dürfen. Wir glaubten vielmehr, es sei die Zeit gekommen, wo offenes Vertrauen eher zum Ziele führ«, als mißtrauische Verschlossenheit; und wir haben uns, was zum wenigsten unsre nächste Umgebung betrifft, nicht getäuscht; unsre hiesigen christlichen Mitbürger haben unser Auftreten mit entschiedenem Wohlwollen ausgenommen. Ueberall in Deutschland meinen es die Regierungen gut mit ihren jüdischen Unterthanen, und sie behandlen dieselben nur verschieden nach der Verschiedenheit ihrer Grundsätze im Allgemeinen, eigentlich nach den verschiedenen Ansichten ihrer Staatsmänner über Staat und Kirche, über Stabilität und Fortschritt; es ist nur unglücklich und beklagenswerth, daß das Schicksal so Vieler von solchen dem Wechsel unterliegenden Zufälligkeiten und wandelbaren Theorien abhängt. Es stand nicht zu befürchten, daß von irgend einer deutschen Regierung unser jedenfalls gutgemeintes und uneigennütziges Vorhaben unrichtig gedeutet oder gehindert werden würde, und wirklich hat sich zu einer solchen Besorgniß kein Grund ergeben. Wol aber tragt die bisherige absichtliche Verhüllung der inneren Zustände des Judenthums von Seiten seiner Bekenner große Schuld an dem vielen unläugbaren Unrecht, an manchem herben Urtheile, das sie erfahren. Man hat uns vorgehalten, uns fehle der rechte Ernst, wir seien indifferent. Freilich von Fanatismus verspüren wir nicht den leisesten Anflug; wir haben zu unserem Unternehmen nur die Begeisterung gebracht, welche eine klare Anschauung bei reinem Bewußtsein giebt, und sind weit entfernt, Andersdenkende oder Andersglaubende zu hassen und zu verfolgen; darum sind wir auch keine Sektirer. Daß wir aber in unserem Streben ernst, daß wir nicht gleichgültig sind, dafür spricht die Thatfache, daß Manche von uns ihrer Pietät, ihrem Beharren beim