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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1844-01-01 · Heft 1 (1.1.1844) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
8 (1844)
Issue
Heft 1 (1.1.1844)
Date
1844-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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9 gebracht wird. Alles setzt sich hin (NI3. Ln D eu tschlanfr), und deliberirt, und dekretirt, und expouirt, und das Ende vom Spiel ist, man will den Juden etwas aufs Zeug flicken. Und wessen ist Dies ein Zeichen und eine Wirkung? Von der erbärmlichen Inhaltslosigkeit der momentanen Gegenwart. Verbergen wir es uns nicht: wir Juden haben durchaus nicht die Wichtigkeit, die man uns beilegt, die man uns anfnöthigt, und die wir. am meisten zu verwünschen haben. In der großen Völkerfamilie, in der zahlreichen Sektenversammlung Europas sind wir nur ein kleines Häuflein, das, emanzipirt oder nichtemanzipirt, ohne Weiteres mitlauft und mitzieht. Jedesmal daher, wenn eine große, welthistorische Bewegung auf dem Theater Europas statt findet, wenn es die Entscheidung wahrhaft großer Fragen der Gesellschaft gilt, wenn die Sozietät mit ihrer gründlichen Umwandelung und Verbesserung ernstlich beschäftigt ist, und deshalb in wahrhafte Kämpfe und Diskussionen geräth — dann vergißt man der Juden, thut das dringende Bedürfniß Betreffs ihrer kurz und bündig ab (man denke an 1812!), und ist mit ihnen fertig. Wenn aber die Zustände faul und kraftlos geworden, wenn die Nerven abgespannt, der Geist fade geworden, die Welt aber um so mehr einen Popanz und eine Puppe haben will, um im Enuui nicht ganz unterzugehen — dann holt man die Juden hervor, haut, sticht und fährt auf sie los, handthiert mit ihnen nach allen Seiten herum: daß sie selbst dabei am schlechtesten fahren, (eben wie eine Puppe in Kinderhänden,) dafür kann man Bürge sein. Derjenige, dem es dabei doch Ernst ist, der in dem Bewußtsein der Humanität und des Rechts aufrichtig an der Lesung der Frage arbeitet, wird zuerst hitzig, feurig, zuletzt müde und höhnisch werden. Beide Seelenzustände können aber der Sache gefährlich werde», denn Leidenschaftlichkeit verdirbt Vieles, und nur der Kaltblütige bleibt Sieger. Darum, sage ich, bedarf es in unsrer Angelegenheit der steten Wachsamkeit und erfrischender Aufmunterung. Es kann Einem sonst am Ende ganz schwindelig werden, da man sich immer im Streife herumzndrehen vermeint. Mit Nichten aber glaubt man diese Erscheinungen, die wir oben geschildert, bloß auf dem Gebiete des Außens zu finden. Auch im Innern des Judenthums machen sie sich geltend. Daß dem Judenthnrne ein frisch verjüngtes Leben geweckt werden müsse, fühlt man überall. Kultus, Gesetz, wie Gemeinde und ihre Institute sollen neugeädert werden. Lassen wir all die Parteistichwörter bei Seite, Orthodoxie, Neologie, Reform, die nur gehässig sind, für die verschiedensieu Ansichten gebraucht werden, und doch zu Nichts helfen. Selbst der Stabilste fühlt, es kann mit dem Tode der vergangenen Jahrhunderte nicht weiter gehen, neues Interesse, neuer Eifer, neue Kraft müssen geschaffen werden. Aber wie? — — Anstatt der heiligste Ernst, den die Sache erheischt und -zur Pflicht macht, anstatt ein aufrichtiges Zusammenwirken, anstatt eine gründliche Forschung kommt wieder das ganze Maskenspiel, der ganze Larvenhaufen, der die verwünschte Wirre in der Emanzipationssache an. richtete. Selbstsucht und Eigenliebe, Mißtrauen und Faulheit, Eitelkeit und Lärmmacherei, Aufsch...iderei und Oberflächlichkeit, Zerrissenheit und Spaltung machen sich überall geltend, und sangen die Sache am verkehrten Ende an. Nun beginnt ein Zerren und Reißen, daß kein Faden neben dem andern bleibt, und das edelste Streben wird zu Nichte. Wie? muß mau fragen, ist das die alte, erfahrene Nation? ist das die Weisheit, die vier Jahrtausenden entsprossen? ist das die gediegene Ruhe und Besonnenheit, die dem unter den Verfolgungen von Jahrhunderten gestählten Manne geziemet? ist das die Würde, die dem, das Beispiel so vieler Zeiten und Geschehnisse vor sich habenden Geiste angemessen ist? Wie Kinder hineinzugreifen, wie Kinder zu zerreißen, und wie Kinder festzuhalten? Keine Ueberlegung, keine gemeinsame Berathnng, kein einträchtiges Wirken? Nur Persönlichkeiten, nur Verdächtigungen, nur Hader?—■ — Und wie im großen Ganzen, so im Einzelnen. Die Gemeinden spalten sich, der Teufel der Zanksucht fährt mit seiner Legion mißgestalteter Geister in sie hinein, verdirbt -die edelsten Kräfte, bis das fliegende Feuer verloschen und verraucht ist, und am Ende — Nichts geschehen. Nach einiger Zeit hebt man wieder so au, um wieder so aufzuhören. Man sage nicht, daß wir heute zum Anklagen aufgelegt seien. Das verflossene Jahr bietet die Beweise so stark und vielfach dar, daß Einem das Wort von selbst auf die Lippe gegeben ist. Es ist überall derselbe Geist, der sich kund giebt, Inhaltslosigkeit, die im Mangel an Aufrichtigkeit und in der Sucht nach Lärm- und Aufsehn-Machen ihre beiden starken Arme findet. Sehen wir zu dem Ende die Ereignisse des vorigen Jahres in der Kürze durch. (Fortsetzung folgt.)

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