Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-12-31 · Heft 52 (31.12.1842) · p. Seite 761

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 52 (31.12.1842)
Date
1842-12-31
Page
Seite 761 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225280--04886-3314504
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

761 Li'lienthal an sein liebes Heimathland, wo solche Verbesserungen keine Neuerung mehr sind, und mit wahrer Erbauung, mit schmerzlichsüßen Gefühlen ftand er da, und hörte die wirklich herzerhebenden Melodien unsers in seiner Art einzigen Cantors Blumenthal mit inbrünstiger Andacht zu. Nach geendigtem Gottesdienst äußerte er seine vollkommene Zufriedenheit über diesen erfolgreichen Fortschritt unserer Gemeinde und eiferte die einflußreichsten unter den Betgästen zu ausgedehnteren Maßregeln in dieser höchst wichtigen Verbesserung an, und -rmunterte sie auf dem Wege des Fortschrittes nicht zu ermüden und rastlos fortzuschreiten. Ein hiesiger Jüngling, Zögling des Wiener Conservatorium's, der sich nun eines europäischen Rufs erfreuet, der talentvolle Herr Leonard Gold beschenkte unsere Synagoge mit einer Menge seiner Compositionen, die den besten Meisterstücken in Kirchenmusik beigezählt zu werden würdig sind. Ein bei dieser Gelegenheit vorgetragenes von der Eomposition des eben erwähnten Herrn Leonard Gold, fand solchen Beifall bei Herrn Lilienthal, daß er sich eine Abschrift dieser Composition erbat, und solche gleich Nachts darauf von seinem Schreiben begleitet einem Wohllöb. Directorium der Synagoge in München zum Geschenke mit dem Bemerken übersandte, daß er aus Liebe zur Heimath wünsche, der Gottesdienst im Tempel zu München möge durch dieses Meisterwerk verherrlicht werden. Unseren hiesigen Lehranstalten widmete Herr vr. Lilienthal einen großen Theil der Zeit seines Hierseins, indem er drei Tage hinter einander in denselben eine vollständige und gründliche Prüfung vornahm. Angenehm überraschte es ihn, an der Küste des schwarzen Meeres, bei einer polnischen Judengemeinde Lehranstalten zu finden, in welchen eine zahlreiche Schuljugend in der hebr., russischen, deutschen und französischen Sprache, in der Geographie und Geschichte, in der Geschichte unsers Vaterlands, in der Rechenkunst und kaufmännischen Buchhaltung, in der Nethorik, in Literaturgeschichte auf eine Art unterrichtet wird, daß nicht bloß ihr Geist, sondern auch ihr Herz gebildet wird, und aus welchen eine Generation heranwächst, die mit ächter Religiosität, mit wahrhaft nationalen Gefühlen auch europäische Bildung vereinigt. Mit freudigem Erstaunen hörte er unsere Zöglinge Musterstücke aus den deutschen Classikern vorlesen, und mit gebildetem asthätischen Sinn erklären. Alle Fragen, die dieser wackere Schulmann unserer Schuljugend vorlegte, wurden von derselben zu seiner größten Zufriedenheit auf eine Art beantwortet, welche eine geübte Geistesthätigkeit beurkundete. In der Mädchenschule, die nun 170 Schülerinnen zählt, gefielen ihm die ausgestellten, von unseren Zöglingen gefertigten weiblichen Handarbeiten so sehr, daß er unter andern Aeußerungen seiner vollkommenen Zufriedenheit mit den Leistungen unserer hiesigen Lehranstalten, auch den Antrag stellte, wir möchten einige Pröbchen von den Arbeiten unserer Schülerinnen seiner Exellenz dem Minister der Volksaufklärung, diesem erhabenen Gönner und Beschützer alles Guten und Edlen, als einen Beweis zusenden, daß es auch unfern vaterländischen Glaubensgenossen nicht an gutem Willen fehlt, auf der Bahn der Bildung und der Erkenntniß zu wandlen, wenn ihnen nur Gelegenheit dazu dargeboten wird. Nach beendigten Prüfungen nahm er herzlichen Abschied von unserer Schuljugend, und ermunterte sie mit eindringlichen Worten auf der von ihnen nun betretenen Laufbahn des Wissens und der Bildung mit Beharrlichkeit und Ausdauer fortzuwandlen, und das um so mehr, da die Zeit nicht mehr fern sei, wo die Vaterhuld unseres allergnädigsten Monarchen auch seinen jüdischen Landeskindern gönnen wird, mit ihren erworbenen Kenntnissen dem Staate und der menschlichen Gesellschaft nützlich zu werden. In das Fremdenbuch unserer Schule, in dem schon mehrere Großwürdenträger des Reichs ihre allerhöchste Zufriedenheit mit unfern Lehranstalten beurkundeten, schrieb Dr. Lilienthal folgende merkwürdige Worte: „Beauftragt von seiner hohen Exellenz, dem Herrn Minister der Volksaufklärung, die von den Juden bewohnten Gouvernements zu bereisen, um die Gemüther auf die Errichtung zeitgemäßer hebr. Schulen vorzubereiten, suchte ich nach einem schon verwirklichten Vorbild der Hoffnung unserer kommenden Geschlechter. — Ich hoffte, es in Odessa zu finden; und traf bei meinem Besuche der hier bestehenden Knaben- und Mädchenschule alle meine kühnsten Hoffnungen weit übertroffen. Unter der Leitung eines Mannes wie Herr Director Stern"); bei dem Unterricht tüchtiger *) Der als gründlicher Gelehrter und tiefer Denker

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.