Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 52 (31.12.1842)
- Date
- 1842-12-31
- Page
- Seite 758 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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758 Nische Alterthum auch seine geistige Herrlichkeit hatte, die sich Ln großen Individuen offenbarte; und diese geistige Herrlichkeit des Alterthums steht wahrlich Ln lebendiger Fülle, Wirklichkeit und Wirksamkeit vor uns da, und Keiner, der von ihr durchdrungen ist, wird nach dem Grunde der wunderbaren Erhaltung fragen. Freilich wirkt dieses Geistesleben Ln ganz anderer Form und Erscheinung fort, als das, von dem wir hier reden; aber es ist das doch eben immer nur eine verschiedene Form und Erscheinung für die Ewigkeit des Geistes. Weil jene Herrlichkeit Ln Kunst und Wissenschaft sich stärker Ln Einzelnen, als in der Masse, in dem Nationalteben, offenbarte, so vermochte sie das Gesammtleben nicht zu erhalten, das sie nicht hinlänglich durchdrungen hatte und nicht zu durchdringen geeignet war. Sie konnte daher nur lebendig bleiben und fortwirken in den Geisteswerken der einzelnen Genien. Aber in diesen und durch diese hat sie das gesammte Geistesleben unserer Zeit auf's tiefste durchdrungen. Nachdem sie Jahrhunderte lang durch tiefe Nacht bedeckt war, ist sie durch die Sonne eines neuen Tages beleuchtet worden, und hat eine neue, reiche Bildung in's Leben gerufen. Das religiöse Element dagegen, das im Judenthum waltete, offenbart sich seiner Natur nach nicht in wenigen begabten Geistern allein, sondern in der Menge. Es war in die Masse der Nation eingedrungen, ja es hatte sie eben zu einer Nation gemacht; es batte die Gesammtheit belebt; darum konnte es auch die Gesammtbeit erhalten. Wahrend der wissenschaftliche und künstlerische Genius des Alterthums durch das Mittelalter hindurch im Staube der Bibliotheken und Klöster, unter der Asche verschütteter Städte begraben lag bis zur Stunde der Wiedergeburt, lebte der religiöse Geist des JudenthumS in den Seelen der Gläubigen, deren Leiber in Judengaffen und in Juden-Ordnungen eingepfercht waren; die Ghettos glichen jenen unterirdischen Gräbern, aus denen eine bessere und hellere Zeit den Geist wieder an's Licht wecken sollte. Welche Zukunft diesem Geiste bevorsteht, das haben wir der Vorsehung anheim zu stellen; genug für uns, das er eine Vergangenheit hat und eine Gegenwart, die jedem Auge, das sehen will, offen da liegt." R. wendet sich hierauf zu dem „oft wiederholten Gemeinplatz," daß die Erhaltung des Judenthums dem Umstande beizumcssen sei, „daß Religion und Nationalität stets bei ihm im Bunde gewesen." Auch hier sind die Einwürfe R.'s so treffend, so schlagend, daß wir sie an diesem Orte zum weitern Gemeingut zu machen, nicht unterlassen können. Er beruft sich darauf, daß auch in Rom und Griechenland die Religion eine nationale war, und dennoch, ja gerade darum mit Rom's und Grie> chenland's Nationalität unterging. Er fährt fort: „Nicht der Umstand, daß Religion und Nationalität im Judenthume stets im Bunde gewesen , sondern die Art, wie es mit diesem Bunde beschaffen war, ist das erhallende Moment gewesen; nicht durch diesen Bund, sondern trotz desselben hat sich das Judenthum aufrecht erhalten. Wo die Religion dem nationalen Leben untergeordnet oder beigeordnet war, wo sie politischen Zwecken als Mittel diente, wo die Orakel der Priester und Auguren Werkzeuge waren in der Hand der Staatsmänner, Mittel ihrer schlauen Berechnung, da mußte die Religion eben wegen des engen Zusammenhanges beider dem politischen Dasein in die Gruft folgen. Im indischen Leben aber war die Religion, war der Gottesgedanke das herrschende Prinzip; das nationale, das politische das irdische Moment war ihm dienstbar und untergeordnet. Das eine hing mit dem anderen zusammen, es ist wahr; aber es hing mit ihm zusammen, wie die Seele mit dem Leibe zusammenhängt und zwar nicht nach der materialistischen Vorstellung, nach welcher die Seele nichts als ein Erzeugniß irdischer Kräfte und ihrer Vermischung ist, sondern nach der geistigsten, nach welcher die Seele ein vom Leibe unabhängiges, ihn beherrschendes und überdauerndes Wesen ist. Nach unserer Ueberzeugung ist es der Geist, welcher den Leib erhält in der Geschichte wie im Leben des Individuums; uns ist daher die Fortdauer des Judenthums die Unsterblichkeit des Geistes in der Geschichte. Jene Ansicht aber, die das Räthsel der „wunderbaren" Erhaltung des Judenthums nur durch den engen Bund mit einer vermeintlichen „Nationalität" lösen zu können meint, lehrt die geschichtliche Unsterblichkeit des Leibes und kann die Ewigkeit des Geistes nur durch dessen Zusammenhang mit jenem begreifen; diese Ansicht ist mithin nichts anderes, als der rohe Materialismus, welcher alles selbstständige Seelenleben längnet, auf die Geschichte übertragen, und gerade auf einem Punkte übertragen, wo die lautesten Zeugnisse, die offenkundigsten Thatsachen die Falschheit eben dieser Auffassung verkünden. Daß der Geist des Judenthums die zertrümmerte Form der Nationalität überleben konnte, daß sein Wesen also sich als unabhängig von dieser Form bewährt hat, das ist es, was das Judenthum sichtlich auch für das blödeste Auge von den Staats- und National-Religionen des Alterthums unterscheidet: und die Erklärung die-