Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 51 (24.12.1842)
- Date
- 1842-12-24
- Page
- Seite 742 (sequence 2)
- Language
- German
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742 Rußlands Kolonisationsversuche mit Juden sehr gut aus/ gefallen, daß, wenn eine solche Kolonisirung angezeigt zvurde, ein so großer Andrang von sich meldenden Juden statt fand, daß die Mehrzahl zurückgewiesen wurde : abgesehen hiervon hat der Redakt. schon vor Jahr und Tag Berichte von den glaubwürdigsten Männern vor sich gehabt, die bekundeten, daß viele Tausende geneigt wären, irgendwo man sie anweist, dem Ackerbau sich zu ergeben, und mit ihren Händen die Früchte zu erarbeiten, mit denen sie den Hunger ihrer Familien stillen könnten. Der Redakteur glaubt, eine solche Stellung einzunehmen, daß ihm Obiges auf's Wort geglaubt wird. Also eine Geneigtheit, dem Landbau sich zu widmen, können wir im Allgemeinen voraussetzen. Allerdings ist es Nothwendigkeit, denselben entgegenznkommen, und sie auf jede Weise zu unterstützen. Denn bei vielfacher Unkenntniß der neuen Arbeiten, beim jahrelangen Abwarten, bis der Boden Früchte trägt und reift, bis die Leute selbst ihrem neuen Stande eingewohnt sind, müssen sie vor dem drückendsten Mangel geschützt, und ihnen überhaupt einige Vortheile gegen ihre jetzige Lage, die freilich schlimm genug ist, geboten werden. Es fragt sich daher zunächst, von wem die Erleichterung, die Beihülse, welche den zum Landbau übergehenden Juden dargeboten werden muß, ausgehen soll? Hier haben wir zuerst uns an die bemittelte Klasse unsrer Glaubensgenossen in Polen zu wenden. Möchte diese die große Aufgabe, die ihr in diesem Augenblicke wird, begreifen, ganz begreifen, und sich davon begeistern lassen! Möchte diese im Voraus fühlen, was es heißt, Tausenden von hülflosen und in falsche Lebensrichtungen versunkenen Glaubensgenossen aufzuhelfeu, und eine vernünftige Grundlage zu schaffen — was es heißt, den Mitgliedern ihrer ganzen Glaubensgenossenschaft Ehre, Verdienst, Genugthuung zu schaffen — was es heißt, auf viele Generationen hin unzählige Familien in eine ehrenvolle, der menschlichen Gesellschaft nützliche Lage zu bringen.-Ja, Ihr Reichen Polens, die unserm Stamme angehören, Ihr könnt Euch einen unsterblichen Namen in der Geschichte Israelis, in der Geschichte der Menschheit erwerben, indem Ihr diese Idee, Eure Glaubensgenossen zu ansässigen Landbebauern zu wandeln, aufsasset, verfolget, durch Opfer, Anstrengung, Thatkraft verwirklicht. Fraget Ihr nun, auf welche Weise dies auszuführen fei 1 Wir denken es uns so. Es wird eine „Gesellschaft zur Beförderung des Ackerbaues unter den Juden Polen's" gebildet, an deren Spitze ein Komit« aus den einsichtsvollsten Männern steht, deren Prorektorat gewiß der hochherzige Fürst-Statthalter übernehmen würde. Diese, durch sorgfältig ausgearbeitete, höchsten Orts genehmigte Statuten organistrte Gesellschaft beschafft eine General-Kasse zu diesem Zwecke, für die ordentliche und außerordentliche Beiträge angenommen werden. Ich bin gewiß, daß in eine solche Kaffe vielfältige Unterstützungen von den russischen und polnischen Großen, wie auch von unseren ausländischen Glaubensgenossen fließen würden. Aus dieser Kasse werden Gelder nach angemeffnem Plane 1) zum Erwerbe oder zur Beihülse zum Erwerbe von Land und Boden, 2) zur Unterstützung in den ersten Jahren, 3) zu Prämien für die, am bäldesten im Land> bau sich auszeichnenden verwendet. Die Gesellschaft kann es so einrichten, daß nach einer Anzahl jvon Jahren in kleinen Raten die ertheilten Unterstützungen möglichst wieder zurückgezahlt werden. Außer diesen'materiellen Wegen muß aber auch^ die Gesellschaft moralisch einzuwirken suchen. Sie muß durch Schrift und Wort auf die Masse zu wirken sich bemühen, dem neuen Lebenswege immer mehr Subjekte zuzuwenden; sie muß die Gewonneueu praktisch in ihrem Fache immer tüchtiger zu machen suchen; sie muß diese überwachen, zu Fleiß und Thätigkeit anspornen ff. Es ist das ein großes Feld der Anstrengung und Bemühung, aber auch des unendlichen Verdienstes, und, ohne Prahlerei gesagt, wann hat es Israel an aufopfernden Männern gefehlt, sobald erst Etwas als das Rechte, Gottgefällige erkannt ward? Und wie? treten wir hier nicht in diejenige Bahn ein, die einst der Gottesmann Moscheh als die eigentlich israelitische vorzeichnete, auf der Israel glücklich und geehrt bestehen sollte? Ihr wisset, israelitische Männer Polen's, was den Juden Polen's vorgeworfen, wie sie geschildert, beschimpft, gebrandmarkt werden, wie sie bald als „Schmarotzer des Landes," als „Ungeziefer," als „Unkraut" verurtheilt werden. Oft blutet dem deutschen Israeliten das Herz, wenn er Solches in den geachtetsten Blättern und Werken lesen, und — schweigen muß, und sich nicht erbeben kann, dawider zu zeugen. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo Ihr es ändern könnt, wo Ihr die Schmach abwälzen und auf Eure Hasser bringen könnet — wollet Ihr dem abstehen, wollet Ihr euren eignen Vortheil nicht erkennen, nicht zusammentreten zu gemeinsamen Zwecke, Euren Stamm und Glauben zu erheben? — Je nothwendiger aber das Dazwischentreten der eigenen, bemittelten Glaubensgenossen in dieser Angelegenheit