Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-12-10 · Heft 49 (10.12.1842) · p. Seite 723

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 49 (10.12.1842)
Date
1842-12-10
Page
Seite 723 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225277--04845-3314460
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

623 Hallelujas Herr Edller, der Vorsänger und Prediger der Gemeinde, mit vielem Anstande und Würde die jetzt dazu eingerichtete Kanzel bestieg und in einem klar geordneten Vortrage die Gemeinde anredete. Mit einem vortrefflichen Organe verbindet derselbe einen ausgezeichneten Vortrag, und seine wohlgeordnete, durchdachte, mit hoher Begeisterung gesprochene Rede wurde mit der lautlosesten Stille angehört und machte auf mich, wie auf alle Zuhörer den ergreifendsten Eindruck; so daß ich im Stillen von ganzem Herzen der Gemeine zu dem Besitze eines so vorzüglichen Redners, der seiner Aufgabe ganz gewachsen scheint, Glück wünschte, und den Männern aufrichtig Dank zollte, deren beharrlichen Bestreben es gelungen ist, trotz der, wie man behauptet, bedeutend gewesenen Opposition, diese so zeitgemäßen und heilsamen Reformen in ihrer Kirche einzuführen. Was der Gemeinde hauptsächlich noch zu wünschen übrig bleibt, ist ein größeres und besseres Lokal zu ihrer Gottesverehrung. Schreiber dieses zweifelt jedoch nicht, daß es dem jetzigen sehr thätigen Vorstande der Gemeinde gelingen werde, auch diesem Uebelstande abzuhelfen, wozu ihm gewiß der Beistand der Behörden und die thätige Mitwirkung seiner Christlichen Mitbürger nicht fehlen wird." M. Geist und Leben auf den vormaligen jüdischen H o ch s ch n l e n. Von M. Dreifuß, Kandidat. (Schluß.) Diese so eben beschriebene Geistesrichtung verschlang die besten Kräfte der studircndcn Jugend. Weder die Kabala als eine die vollständige Bewandrung in den talmudischen Schriften voraussetzende, einen wahrhaft heiligen, die Welt mit ihren Gelüsten in sich vollständig überwundnen Lebenswandel fordernde Wissenschaft, was bei der Jugend nicht vermuthet wurde, noch derjenige Theil des Talmuds, welcher mit dem Namen ismsis belegt wurde, und der, im Vorbeigehen gesagt, noch eines philosophischen Kopses harret, um das in vielen Stellen in ihm verborgen und verhüllt liegende Schöne an das Tageslicht zu fördern, waren Beschäftigungszweige der Jugend, welcher ein wohl gefeilter Chi'- l uk Alles in Allem war. Diese Disputationen fangen aber jetzt schon an selbst den jüdischen Gelehrten des jünger» Geschlechtes unverständlich zu werden, den mit Talmudstudium sich beschäftigenden christlichen waren sie vermuthlich nie verständlich. Auch haben sich diese Disputationen scharfen Tadel hochbegabter, von ächter Gottesfurcht erfüllter Rabbinen zugezogen; in ihnen liegt aber jedenfalls ein ehrendes Zeugniß eines wahrhaft großartigen Fleißes und einer glänzenden Geistesbefähigung, welche, wenn sie der ächten Wissenschaft zugewendet gewesen wäre, vielleicht manchen jüdischen Leibnitz, Kant und Fichte, sicher aber mehrere Geister zweiten und dritten Ranges hervorgebracht hätte. — Zu dieser traurigen Geistesrichtung auf den vormaligen jüdischen Hochschulen bietet das sittliche Leben auf denselben einen erfreulichen Gegensatz. Von allen der Jugend eigenthümlichen Fehlern und Lastern als da sind: Leichtsinn, Keckheit, Genußsucht, Hang durch auffallendes Betragen sich bemerkbar zu machen, Raufsucht, Schwelgerei war weder im Kleinen noch im Großen die mindeste Spur vorhanden. Eine wahre, aus reiner Gottesfurcht hervorgehende, aller Heuchelei und irdischen Rücksichten fremde Religiosität, war der Grundcharakter der studirenden Jugend, welche freiwillig und mit leichter Mühe allen weltlichen Vergnügen entsagte. Der studirende Jüngling lebte ganz in seinem und für sein Studium; er und seine Gemara waren unzertrennlich wie der Araber und sein Roß; er begnügte sich mit der ärmlichsten und erbärmlichsten Kost, wenn er nur brav talmudische Fragen und Antworten zu verdauen hatte. Ausschweifungen in geschlechtlicher Beziehung waren höchst selten vorkommende Fälle. Nur ein sittlicher Makel schien der studirenden Jugend anzukleben, welcher in einem kleinlichen Neide und in einem in schadenfrohe Verkleinerungssucht überschlagcnden Ehrgeiz, als der scharfsinnigste oder! als einer der scharfsinnigsten Talmudkenner zu gel- - ten, bestand, wobei die Lehrer nicht selten mit veri derblichem Beispiele vorangingen. Dieser Makel ist | aber überhaupt unvermeidlich in einer Anstalt, de- ■ ren Hauptbeschäftigung in einer zaumlvsen Dispu-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.