Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 48 (3.12.1842)
- Date
- 1842-12-03
- Page
- Seite 706 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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706 Freunde beruhend, als Beitrag zur Geschichte dieser! Schulen dienen mag. Der Zweck dieser Hochschulen, als von Geschlecht zu Geschlecht überantworteter Institute, war und blieb zu allen Zeiten derselbe, welcher in der Pflege jüdischer Wissenschaft bestand, nicht etwa mit dem klar ausgesprochenen Gedanken, als Bildungsanstalt für die dem Lehramte im engern und weitern Sinne sich Weihenden zu dienen, sondern der an jeden Israeliten gestellten religiösen Pflicht, dem Stuj dium des Gesetzes möglichst obzuliegen, Genüge zu i leisten. Wir können nicht umhin bei dieser Gelegen-! heit auf eine, in der jüdischen Entwicklungsgeschichte j wegen des Gegensatzes zu den zeitweise in andern : Religionskreisen gegoltnen Prinzipien bemerkenswerthe! Erscheinung aufmerksam zu machen. Wahrend es j Perioden gegeben hat, wo man in andern Rcli-! gionskreisen den Laien das Studium der Bibel mög-! lichst zu erschweren und zu entrücken suchte, machte j das Judenthum seinen Bekennern stets zur Pflicht, j im ganzen jüdischen Religionsgebäude von der ersten j Basis bis zur höchsten Spitze sich möglichst heimisch l zu machen, und selbst die Gegenwart ist noch reich! an Laien, welche mit ihrer ganzen Jugend im Ge-; treibe der jüdischen Hochschulen standen, jetzt aber in j hochmüthigem Jndiffcrentismus gegen die religiösen! Zustände ihrer Glaubensbrüder als reiche Kaufherren! ihre Thaler zahlen, oder an der Börse eine Rolle j spielen. — Wenn wir nun als Zweck dieser Hoch-! schulen Pflege jüdischer Wissenschaften bezeichncten, I so sollte man wohl denken, daß die heilige Schrift in dogmatischer, eregetischer, geschichtlicher und sprachlicher Beziehung u. s. w. einen mächtigen Beschästi-! gungszweig für die jugendlichen Kräfte gebildet habe;! allein dem war nicht so; die ganze Kraft der geistij gen Thätigkeit wurde von dem Talmudstudium ver-! schlungen, zu welchem das der heiligen Schrift j kaum die Geltung einer Hilfswissenschaft erlangte. So sehr es auch Manchem die Gränze der Glaub- > Würdigkeit zu überschreiten scheint, müssen wir doch j auf die buchstäbliche Wahrheit bestehen, daß kaum j der tausendste Theil der dem Studium zugewen-! beten Zeit auf die eigentliche Erforschung der Bibel \ verwendet wurde, ja die ernste Beschäftigung mit j derselben galt für etwas geringfügiges, langweiliges, | philisterartiges, und man kann behaupten, daß man-; cher angesehene Lehrer nach Durchwühlung der tiefi sten Schachten des Talmuds in das Grab hinabstieg, ohne den einfachen Sinn eines etwas schweren Verses in den Psalmen zu verstehen. Dieses fast psychologische Räthsel findet seine Erklärung durch eine die produktive Geisteskraft in ihrer ganzen Thätigkeit fesselnde Geistesrichtung, die in den letzten Jahrhunderten des Bestandes der Hochschulen in den Schwung kam und in den sogenannten Chilukim (Disputationen) sich kund gab *). Was war nun ein sogenannter Chiluk? dem Wesen nach eine Nachformung der in die Gemara niedergelegten Disputationen, aber mit einem völligen Unbekümmertsein um die Wahrheit des zu ermittelnden'Satzes oder Gegenstandes, fast möchte man sagen mit einem absichtlichem Zernagen und Zerfressen des naheliegenden und darum der Wahrheit entsprechenden Sinnes, wobei ein die feinsten Unterschiede und Achnlichkeiten erkennender und ausspürcnder Scharfsinn sich bethätigte, der durch diese seine Erfindungen — mssan — in der Form von Fragen und Antworten ein an sich logisches Ganze zusammenfügte, das dem Erfinder zur höchsten Ehre gereichen konnte, wenn es ihm mehr um Ermittlung der Wahrheit als um Darlegung seiner Geistesgaben zu thun gewesen wäre. In der Abspinnung dieser Spinngewebe war den studirenden Kräften ein unermeßliches Feld der Tätigkeit gegeben, das um so anlockender war, weil die Virtuosität auf demselben fast der einzige Maßstab zur Befähigung für geistliche Stellen und Lehrämter in den größern Gemeinden war, und der erste derartige Chiluk nicht selten über Ruf und Glück des Jünglings entschied. In diesem selbstgewobnen Netze lag die Kraft der studirenden Jugend das ganze Jahr hindurch gefangen, welches Netz aber in seinem ganzen Umfange beim Beginn der Semester ausgebrcitet wurde, als die Zeit der sogenannten Halacha Losephot. Was war ein Halacha Tosephot? ein von den größten Celebritäten der Hochschule ausgewählter Abschnitt aus dem Talmud, welcher in allen seinen Beziehungen und mit allen einschlägigen berühmten Kommentatoren mit einem Eifer und einem Fleiße studirt wurde, der denen, in diesen Krei- °) Als Erfinder oder besser als formeller Ausbildner dieser Chiluklm, wird, pverv Lehrer an der jüdischen Hochschule zu Prag, genannt. Corresp.