Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 48 (3.12.1842)
- Date
- 1842-12-03
- Page
- Seite 705 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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705 Geist nnd Leben ans den vormaligen jüdischen Hochschulen. Von M. Dreifuß, Kandidat. Wenn die seit, geraumer Zeit sich kundgebenden Bewegungen im Judenthume viele neue, den Bedürfnissen der Gegenwart entsprechende Einrichtungen und Zustande in's Dasein riefen und rufen, so lag und liegt es in der Natur der Sache, daß bei der Entstehung neuer Zustände die alten, der Modisizirung durchaus unfähigen den Schauplatz ihres praktischen Daseins verlassen mußten. Menschen und menschliche Zustände sind bestimmt einander abzulösen und sich Platz zu machen, und ihr Andenken nach ihrem Verschwinden von der lebendigen Schaubühne wird ihnen nach dem Maße und nach der Art ihrer Wirksamkeit gesichert. Eben nach diesem Maße werden sie auch ein mehr oder minder wichtiges, geschichtliches Moment desjenigen Volkes oder derjenigen Gesammtheit, unter welcher sie zu wirken bestimmt waren. Die jüdischen Hochschulen, im ganzen Verlaus ihres Daseins in jüdische Bildung und Lebensweise tief eingreifende Institute, sind so zu sagen vor unfern Augen in's Grab hinabgestiegen, fast unbemerkt, geräuschlos und ohne Seufzer, und sind, da ihre Wiedererstehung in ihrer alten Form im Bereiche der Unmöglichkeit liegt, nunmehr als eine geschichtliche Thatsache zu betrachten, die der Aufzeichnung würdig ist. Schreiber dieses der jüngern Generation angehörend, Geist und Lebender jüdischen Hochschulen auf einer kleinen den größern nachgemodelten gleichsam in den letzten Zügen erblikkend, versucht die in seinem Bewußtsein noch lebenden Eindrücke in diesen Blattern niederzulegen, wünschend, hierdurch auf jene anregend zu wirken, die Umfassenderes über diesen Gegenstand zu sagen vermögen. Es liegt nicht in unserer Absicht etwas über Anfang, Entstehung und Fortbildung dieser Schulen zu sagen. Sie sind so innig mit der ganzen Entwicklungsgeschichte des Judenthums verwachsen, daß sie nur mit stetem Rückblicke auf dieselbe betrachtet werden können und reichen überdies, unsres Bedünkens, bis fast zu den Uranfängen des Judenthums hinauf, so daß wir schon in den Zeiten Samuels — in der Prophetenschule — eine Art Hochschule erblicken, die nur der Form und den Lehrobjekten nach von den in späterer Zeit erstandenen verschieden gewesen sein mag. Nur als das Haus David durch den Tempelbau den religiös nationalen Mittelpunkt in eben diesen Tempel und in das mit demselben zusammenhängende Priesterthum verlegte, die politisch nationale Thätigkeit ihren Centralpunkt fand in den Kämpfen für und wider die Dynastie Davids und deren Regierungsprinzipien — das Abfallen von denselben war die An - und Aufnahme des heidnischen, antinationalen Prinzips, des Polytheismus, das Festhalten an denselben war die Geltendmachung und Reinhaltung des nationalen Prinzips, des Monotheismus und hierin liegt die wahre und höhere Bedeutung der vom Judenthume dem Hause David beigelegten Wichtigkeit und Verehrung und der von demselben gehegten heilvollen Erwartungen — verliert sich jegliche Spur derartiger Bildungsanstalten, bis nach Erbauung des zweiten Tempels, allwo die errungene Selbstständigkeit eine scheinbare war, und das diej damalige gebildete Welt beherrschende, das innere religiöse Leben der damaligen Judenheit zwar nicht ergreifende, aber auf dessen äußere Gestaltung vielfach einwirkende griechische Element Schulen nach Art der Griechen hervorrief, deren Thätigkeit in Talmud und Midraschim uns vorliegt, deren Fortdauer, gleichartiger Charakter und wesentliche Tendenz bis zu unfern Tagen fortliefen, allwo sie wenigstens aus dem Kern der heutigen europäischen Judenheit, aus der Mitte der deutschen Juden verschwunden sind. Wir bezeichnen mit voller Ueberlegung und ohne Furcht des Stolzes und der Anmaßung bezüchtigt zu werden, die deutschen Juden als den Kern der heutigen Judenheit; denn obgleich denen in den slavischen und romanischen Ländern in numerärer Beziehung weit nachstehend, so sind sie es doch, unter welchen sich ein selbstständig thätiges, der unbedingten Herrschaft des Herkömmlichen sich entwindendes, von allen Partheien herbeigewünschtes verjüngendes Element sich kund gibt, das augenscheinlich erregend und tonangebend für jene anderen in den bezeichnten Ländern wirkt. Geist und Leben dieser untergegangenen Hochschulen namentlich in der letzten Zeit ihres Bestandes zu schildern, haben wir uns vorgesetzt, welche Schilderung theils auf eigner Anschauung theils auf Mittheilungen zuvcrläsiiger 48