Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1842)
- Date
- 1842-11-12
- Page
- Seite 686 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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686 schwinglichen ansiellten und sich durch die damaliger Zeit gänzlich fehlende Aussicht einer Verbesserung abhalten ließen, ihren Kindern einen andern Lebensberuf zu geben. — Demnach sind wir verpflichtet, die Bemühungen der israelitischen Gemeinde doppelt ehrenvoll anzurechnen und wollen uns nun zu dem letzten Theile unserer Erwägung wenden, nämlich dem, daß drittens die Israeliten durch erhöhete Kultur — in specie Moral! — sich der bürgerlichen Gleichstellung würdig machen sollten. Da sind wir nun zu einem Ziele gekommen, welches die Israeliten fast über die fordernden Christen erhebt. Es ist hier natürlich nur von der Volksschule die Rede, — die gemeinschaftlichen Gymnasien gehören außerhalb dieses Bereichs. Sehen wir die Schuten an, wie sie sind, so finden wir sie freilich jederseits nicht vollkommen genügend, allein bei den christlichen Volksschulen ist das Vcdürfniß einer Verbesserung in größerem Maße bei vorhandenen Mitteln gegenwärtig, als bei der israelitischen ohne ausreichende Quellen. Denn letztere hat, während erstere ohne alle desfallsigen Schritte stehen blieben, mit jeder Kraft gestrebt, so viel zur Erhebung ihrer Schule zu thun, als nur immer möglich, obgleich die ganze Last davon einzig auf den Schultern der Gemeinde ruht. Insbesondere hat der Religionsunterricht durch den trefflichen Rabbiner Bodenheimer sehr gewonnen, und durch mehrere Lehrer wird den übrigen Anforderungen zu genügen gesucht, so daß mindestens kein Unterschied zwischen den hier und den in einer der städtischen Schulen ausgebildeten Kindern statt findet. Wenn nun aber dieses von der kompetenten christlichen Bevölkerung anerkannt wird, was für einen Vorwurf l haben wir da noch den Israeliten zu machen, der nicht doppelt strafend auf uns zurück siel? — Ich habe mir nicht vorgesetzt, eine in die äußersten Details sich erstreckende Erörterung der politischen Frage unserer Einzelheit zu geben, deshalb scheint mir das Angeführte hinreichend, um den allgemeinen Standpunkt zu erkennen, bis wie weit die Bestrebungen der Israeliten sich erstrecket haben. Wie dagegen die christliche Bevölkerung sich benimmt, ist mit wenigen Worten gesagt. Man lebt verträglich unter einander; es ist ein geselliger Verkehr freilich da, allein die Nachgiebigen beider Theile sind meistens solche, die weder warm noch kalt sind. Bei der Mehrzahl der Christen dagegen und hauptsächlich bei denen, aus die es ankommt, findet sich eiserne Intoleranz, wo es den Glaubenspunkt angeht, und dieses nicht minder bei den Protestanten als bei den Katholiken. Wir besitzen freilich den Schein der Friedseligkeit — aber auch nur den trügenden Schein. Und nun zu unserer Nutzanwendung. Nach dem bis hierher Dargelegten stellen sich nun in natürlicher Folge einige Fragen heraus, deren Beantwortung uns noch obliegt, und zwar: 1) da die israelitische Gemeinde aus eigenem Antriebe bei Ausübung ihrer Religionsgebräuche sich möglichster Stille und Unscheinbarkeit befleißigt hat, ist damit nun die erste Bedingung zur Gleichstellung — den Christen nicht anstößig oder auffallend durch ihren Ritus zu werden — erledigt? und ist diese Bedingung überhaupt eine konsequente? 2) Wie sieht es mit den Gewerben u. s. w. aus? 3) Was will die Begehrung erhöhetec Kultur und verbesserter Moral sagen? Es schmerzt uns beinahe., diese Fragen mit redlichem Gewissen beantworten zu müssen, denn der Grund, auf den wir nach Abschöpfung der Oberfläche stoßen, ist kein reiner — es ist der Moder alter Vorurtheile und verjährter Ungerechtigkeit. Auf den ersten Punkt haben wir keine andere Antwort, als: Nein, die Bedingung wird nicht für erledigt erachtet. Sie mußte es sein, besaßen wir die Toleranz, mit der wir prahlen; aber das eben ist der unverbesserliche Uebelstand, daß wir diese nicht haben. Wir können nicht von dem Standpunkte der Ueberlegenheit abstrahiren. Denn thäten wir dies, so leuchtete uns gewiß auf den ersten Blick ein, daß wir den Juden einen Vorwurf machen, der uns selbst am meisten trifft. Keine l christliche Konfession, am wenigsten die katholische, ist frei von gewissem eigenthümlichen Eeremonial, welcher bei letzterer sogar auffallender, als sonst wo, ist. Wollen wir kein Aergerniß an fremdem nehmen, warum beschranken wir nicht zuvörderst das eigene überladene? Und wenn andererseits nichts desto weniger diese Beschränkung getroffen ist, was wollen wir denn noch mehr? Ach, das ist ja das Leid, daß wir nicht wissen, was wir damit wollen; daß unsere Forderungen so unbestimmt sind, um stets ein neues Reservatum zu erlauben. Wir wollen nur einen Vorwand haben, um doch wenigstens scheinbar unsere Beeinträchtigungen zu motiviren; wir wollen — und das ist genug, wenn die Macht damir vereint ist. So lange der Name Jude existirt, haben Theologen und Politiker eine schöne Gelegenheit, sich mit dunkler, aburtheilender, verschweigender Alleswisserei Relief zu geben und daneben den Schein der Großmuth