Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 46 (12.11.1842)
- Date
- 1842-11-12
- Page
- Seite 676 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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676 Bestrebungen handelt. Da freilich entwickelt er eine Energie, eine Geistesfülle, von der das Kontinent nur schwache Abbilder liefert. Theoretische Forschungen sind ihm daher von vorn herein ganz fremd und unappetitlich; er sucht nicht nach einer Begründung im Geiste: Grund genug für ihn ist schon, warum Etwas ist, daß es ist. Auch die Religion erscheint ihm daher nur von der positiven Seite, und nur von dieser hat sie ihm Werth und Geltung. England wäre das unglücklichste Land, sobald man ihm die Positivitat der Religion nehmen würde, da es sich niemals über die zerbrochene Form durch den gewonnenen Gedanken trösten könnte. Daher nimmt aber auch, und muß annehmcn jede abweichende Idee eine positive Gestalt, und nur in dieser kann sie sich Anhänger gewinnen. Daher ist auch England das Land der Sekten, und zwar solcher, die sofort keine Bereinigung zulassen, sondern für sich bestehen, so lange sie bestehen, und von den Gegenparteien in keiner Weise gebilligt, sondern nur ausgeschlossen werden. Dieser Geist der Engländer beherrscht auch die englischen Israeliten. Es können daher an sic gar nicht die Forderungen gestellt werden, die sich innerhalb des deutschen Judenthums geltend machen. Fragen ausiverfen und Untersuchungen anstellcn, ist durchaus nicht ihre Sache. Das Reue muß festgestaltet vor sie treten, und dann fragt es sich nur, wer damit zufrieden ist und sich ihm anschlicßt. Wie in Deutschland, daß Tausende Wünsche hegen, ohne sie zu realisiren, daß der Geist Unzähliger mit der bestehenden Form unzufrieden ist, nicht übercinstimmt, ohne Hand anzulegen: das kann in England nicht vorhanden sein. Aus diesem Gesichtspunkte wird auch Alles, was neuerdings in England, insonders in London geschehen ist, klar sein. Die neue Synagoge gestaltete sich schnell und bestimmt; sie ist kein Uebergang, kein Transitorium, keine Transaktion, sondern Alles, ganz und gar, was man erachtete; sie steht nun, und wird sie stehen, und die alte Synagoge wird sie nie anerkennen. Deshalb sind auch die Schritte, die die alte Synagoge und ihre Führer gegen sie nahmen, nickt so streng und scharf zu beurtheilen, wie man es in Deutschland thut: die neue konnte der alten nur eine vollständige Trennung, keine Umbildung, sondern eine Entfernung scheinen. Mit einer Untersuchung, in wie weit eine das Leben der Synagoge angreifende Vornahme geschehen, oder nicht, laßt man sich nicht ein: es ist etwas Anderes, und darum nicht dasselbige. Von diesem Gesichtspunkte muß auch die jüdisch-englische Presse betrachtet und beurtheilt werden, und eine deutsche Beweglichkeit, ein Uebergreifen, wie sie in Deutschland nothwendig ist, die Berücksichtigung aller Zeitfragen, das Bewußtwerden und Aussprechen aller Zeitmomente kann von ihr noch lange nicht gefordert und erwartet werden. London, 24. Oktober. (Privatmitth.) Sir Moses Montefiore hat eine Druckerpresse nach Jerusalem zum Geschenk gemacht, und ist dieselbe wohl behalten hingelangt. — Ich hatte in diesen Tagen Gelegenheit, ein Schreiben an Sir Moses von Jerusalem zu sehen, worin me.kwürdiger Weise mit denselben Worten die Nothwendigkeit, die unumgängliche Nothwendigkeit, ein jüdisches Hospital in Jerusalem zu gründen, ausgesprochen wird, mit denen Sie zu derselben Zeit diesen Gedanken veröffentlichten. Alles, Alles, sagt der Briefsteller, was man für Jerusalem thäte, könnte gegenwärtig nicht diese Bedeutung haben, und erst durch Befriedigung dieses Bedürfnisses könnte an eine Einwirkung auf die Lage der dortigen Israeliten gedacht werden. — Dennoch werden Sie noch eine umsichtige und umfassende Thätigkeit nöthig haben, um zu irgend einem glücklichen Resultate zu kommen. Deutschland. Schwerin, II. Oktober. Man liest in der hiesigen Zeitung: „In einem jüngst erschienenen Buche: „„Die Juden unserer Zeit, von Bonaventura Mayer, Regensburg 1842"", pag. 65 kommt folgende bemerkenswerthe Stelle vor: „„Da die politischen Verhältnisse der Juden beinahe in allen deutschen Staaten, Mecklenburg ausgenommen, wo der Druck, den sie von der Regierung zu leiden haben, mit ihrer gänzlichen Unwissenheit, Roheit und sittlichen Auflösung im innigsten Zusammenhangs steht, die nämlichen sind rc. rc."" Man weiß wahrlich nicht, worüber man mehr erstaunen soll, ob über die schamlose Dreistigkeit, mit der eine der humansten deutschen Regierungen verläumdet, oder über die freche Unwissenheit, mit der der allgemeine und insbeson-