Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1842-11-05 · Heft 45 (5.11.1842) · p. Seite 671

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
6 (1842)
Issue
Heft 45 (5.11.1842)
Date
1842-11-05
Page
Seite 671 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3225227-3225273--04789-3314400
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

671 Correfpondenzen. Die Bestrebungen der Israeliten zu Hildesheim in Beziehung auf Wissenschaft, Knust und Gewerbe. Von einem Christen*). Es ist ersprießlicher, als man leichthin glauben mag, bei Interessen von allgemeiner Wichtigkeit auf Provinzial-Oerter den Blick za wenden. Nicht nur, daß man die Starke des Impulses erkennt und einen Maßstab für seine größere oder mindere Gewalt und Nothwendigkeit erhalt, indem man die Ausdehnung in die Entlegenheit solcher Städte und Oerter beobachtet; sondern man kann daraus auch den allgemeinen Fortschritt am richtigsten beurtheilen. Dies möge mich denn rechtfertigen, wenn Jemand fragt, warr?m aus dem unbedeutenden Hildesheim Etwas zu der Frage über die Juden hinzuthun? Nicht minder dürfte dazu die Bemerkung beitragen, daß ich nicht bei leeren Theorien verweilen werde, wie es wohl sein könnte; diese sind Nebelgebilde, welche sich im Mondscheinlichte des Vorurtheils und der Voraussetzung recht zauberisch ausnehmen, ohne darum eben ^mehr zu sein als leerer Dunst; ich werde das trügerische Wort lassen, und mich von vorn herein zur Wahrheit der That wenden, zu offen vorliegenden, begründeten Erscheinungen und deren Resultaten. Vorher jedoch muß ich meine Persönlichkeit wahren, da eine andere Glaubensbescheidung mich dem Judenthum eher gerade entgegen stellen sollte. Ich habe schmerzlich erfahren, daß nicht der Jude allein, sondern der Christ selbst unter Christen eben dasselbe Borurtheil zu bekämpfen hat, welches jenen verfolgt; ich habe mich überzeugt, daß die vielgerühmte Toleranz, mit der die Christen sich selbst beloben, nichts mehr ist als eine vorgehangte Maske, hinter der sich starrer, glaubensparteilicher Egoismus schlecht verbirgt. Diese tief betrübende Wahrnehmung hat mich von der eingenommenen Ansicht alleiniger Vorzüglichkeit entfremdet. Doch glaube man darum nicht, daß ich lau sei oder gegen meine Religionsbrüder als Abtrünniger auftrete — ich halte treu und warm am Glau- *) Da diese freimüthige, edele Aussprache eines christlichen Mitbruders auch eine allgemeine Bedeutung hat, wenn sie auch speziell einen kleinern Kreis betrifft, so war uns die Entgegennahme derselben desto erfreulicher. D. Re da kt. ben meiner Vater und werde nicht frevelnd gegen sie reden, um nicht gegen mich falsch zu zeugen. Nur der Wahrheit wegen schreibe ich dies, und will, auf meine Erkenntniß fußend, einen Beitrag zu dieser geben, damit ich mein Schärflein zum Baue des großen Friedendoms gewürdigter Menschheit nicht vorenthalte, und wäre es auch nur der allerkleinste Steinsplitter, um eine unbedeutende Mauerspalte auszufüllen. Die Wahrheit über ist in sich stark genug, als daß sie eines weiteren Wortes bedurfte, darum gehe ich zur Sache selbst, ohneHqß und ohne Gunst. In Hildesheim, wo etwa 400 Israeliten gegen 14,000 Christen leben, war es wie überall; die herrschende Partei blickte auf jene wie auf niedere Wesen herab, ohne nur einmal den Grund ihrer Unterdrückung zu erörtern. Der bloße Glaube war ein Privilegium despotischer Oberhoheit, dem man nur in dem Augenblicke entsagte, wo man der Herabgesetzten bedurfte. Dieses durch hierarchische Erzeugung althergebrachte Mißverhaltniß erhielt zwar bei der französischen Invasion einen zerrüttenden Stoß, doch kam mit dem politischen Frieden auch ein Frieden in den Fortschritt, das heißt, es kam damit zum Stillstände und die Sachlage blieb sich Ln fortlaufender Zeit gleich. Mag es nun immerhin Einzelne gegeben haben, die sich von Glaubensvorurtheilcn lauterten — zur Ehre unserer Stadt wollen wir dies als ausgemacht annehmen — so war doch der Erste, dessen innere Stimme laut wurde, der Syndikus Dr. Küntzel. Als städtischer Deputirter redete dieser in der Landesstande-Versammlung vor etwa zehn Jahren frei und kräftig für die bürgerliche Gleichstellung der Juden. Sein Wort war leider nicht genehm, er verscherzte mit seiner edlen Verwendung für einen unterdrückten Stamm die Volksgunst seiner Vaterstadt. Doch — konnte er auch nicht verwirklichen, was in seiner treuen Brust lebte — ein Gutes rief seine offene Rede hervor, das schon lohnend genug für den redlich Strebenden ist; sein Wort weckte die lethargisch Schlafenden auf, die Aufmerksamkeit wurde rege gemacht, das auf sich Beruhen-Lassen verschwand und man sing an, wenn auch nicht unparteiische Prüfungen anzustetlen, doch wenigstens das oberhoheitliche Schweigen der Uebermacht aufzugeben; man fragte hin und wieder, es wurden Ansichten laut und Anforderungen wurden gestellt. Und das war schon ein großer Gewinn; denn so lange man es unter seiner Würde, unter seinem Rechte halt, Erwägungen zu machen, ist keine Hoffnung auf Besserung statthaft; sobald dagegen die Hin - und Wi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.