Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1842)
- Date
- 1842-11-05
- Page
- Seite 670 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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670 grollten bald nur darüber — daß sie so klein, und daß dadurch den Gang und die Gewohnheiten des Redners zu übersehen noch weniger umfassend möglich ist. Um so weniger können wir aber anstehen, rin attsektiges unbestochenes Urtheil über das Vorliegende auszusprcchen, da die Rücksichten, welche gegen die anftrebende Mittelmäßigkeit genommen werden müssen, hier ganz im Wegfall kommen. WaS nun die Redeweise an sich betrifft, so ist sie ausgezeichnet und gediegen, schwungreich, sinnig in Antithesen und Synthesen, kraftvoll. Referent erkennt dies um so lieber an, als er in der Redeweise mit der Frankfurters am meisten sympathisirt. In der Form der Predigten zeigt sich das Eigenthümliche, daß der Vers, im Ganzen noch nicht zur vollendeten Einheit gekommen, so daß sie ihm unter der Hand auseinanderfließt, daß er aber alsdann die Theile wieder zu überwältigen und zusammenzubinden versteht. Dadurch wird der Zuhörer sich am Schluffe befriedigt fühlen, ohne daß er jedoch oft ein totales Bild des Ganzen mit sich zu nehmen im Stande sein wird. Wir kommen zum Inhalt, und den lastet uns Etwas naher betrachten. Die erste ist hier die wichtigste, die Antrittspredigt; denn da über die Probepredigten des Vers, verschiedene Urtheile laut geworden, welche er als richtig nicht anerkennen wollte, so sprach er seine Ansichten hier klarer und unumwunden aus *). Sie ist über Ezech. 3, 10. 17. I. Er soll wachen, daß Leben im Glauben, in der Lehre erhalten werde, kl. hören das Wort aus des Herrn Munde und es kund thun, 1kl. und warnen in des Herrn Namen. Der Vers, tragt darin die Satze vor: 1) das jetzige Judenthum soll nicht losgeristen werden vom ehemaligen, aber die Lehre der Israeliten tragt in sich den Keim der Vervollkommnung, der Allgemeinheit; 2) er erkennt die Nothwendigkcit der Zeremonieen, aber nicht die Ewigkeit einer Zeremonie; 3) als ein Todtes achtet und liebt er alle unsre Zeremonieen, aber als ein Lebendes sind sie ein Sieches, krankhaft, unerquicklich. So wie diese Satze als die Lehrsätze des Redners hkngestellt sind, bezeichnen sie allerdings die äußerste Linke unter den gegenwärtigen religiösen Partheien; und so wie wir das Widersprechende in ihnen selbst leicht erkennen, *) Interessant mußte es uns sein, die Amtsantrittspredigten Kahn's und Frankfurters neben einander liegen zu haben, da, nach den Bedingnisten ihrer Wirkungskreise jener das Speziellste als Ziel der Thatigkeit, dieser nur das Allgemeinste angeben konnte. können wir uns nicht zu ihnen bekennen. Daß eine fast vier Jahrtausende bestehende Religion nur „den Keim der Vervollkommnung" in sich trage, ist jedenfalls höchst unvollkommen gesagt, sie trägt vielmehr das Voll ko mm ne selbst in sich, und der Fortschritt besteht nur in der immer weiter gedeihenden Aus- und Durcharbeitung des Inhalts, so wie in der immer weitern Ausdehnung ihrer Ideen über die Masten der Menschheit. Dies hat denn auch die Geschichte gelehrt, die auch nicht eine einzige allgemeine Idee dem hinzuzufügen vermochte, was unsre Religion vom Beginn an enthielt: wohl aber hat sie einzelne Ideen überwuchernd, zu einer abnormen Obherrschaft, dann aber die Einzelheiten des Ganzen zu immer kräftigem und breitem Auffassung zu bringen gestrebt und vermocht. Ein zweiter Widerspruch liegt darin, daß die Nothwendigkeit der Zeremonieen anerkannt, und dann alle unsre Zeremonieen nur als ein Todtes geachtet und geliebt, als ein Lebendes für siech, krankhaft, unerquicklich geschätzt werden. Auf diesem ganzen Gebiete hätte der Verf. zwischen hauptsächlichen, organischen Zeremonieen, die, so lange die Religion Israels an Israel individuell haftet, an ihm verbleiben müssen, weit sie die großen Ideen unsrer Religion tragen, und nebensächlichen, die den wechselnden Bedürfnissen der Zeit anheimfallen, unterscheiden müssen. Kann die Religion Zeremonieen nicht entbehren, so muß sie auch welche haben; hat sie solche, nun, so müssen wir Leben in sie hineintragen; nicht die Zeremonieen sind tobt für uns, sondern wir für sie. Selbst dieses kleine Heftchen Predigten giebt den Beweis dafür; denn bringt der Verf. nicht in der vierten Predigt („das Hüttenfest") die Zeremonie des Lulabs heran, und erklärt sie, wenn auch sehr kurz? Gehören nicht die Feste, die der Verf. hier durch seine Reden feiert, in's Zeremoniale der Religion? Wir erinnern uns, daß auch die Tempelprediger öfters über Zeremonieen sprechen, z. B. einer schönen Predigt Kley's über Zizith. Allerdings verwahrt sich der Verf. in der Vorrede, daß Predigten keine wissenschaftlichen Diskussionen, wol aber Resultate der Wissenschaft zu geben haben. Allein diese Resultate müssen darum desto sorgfältiger aufgestellt werden, weil sie durch wissenschaftliche Nachweise nicht gehalten sind. — (Schluß folgt.)