Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1842)
- Date
- 1842-11-05
- Page
- Seite 665 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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665 theil sprechen, und dieselben als eine Literatur des Rückschrittes bezeichnen, welche der Nachwelt keinen Anknüpfungspunkt bietet, — alle diese sollten so tolerant sein, zu bedenken, daß auch das, was von ihnen als der Kern der wissenschaftlichen jüdischen Theologie behandelt wird, von Seiten der Pilpulliebhaber in den Kreis unerheblicher Minutien gezogen werden kann, wie denn auch in der That so mancher rabbinische Kämpe ironisch auf die wichtige Miene hingewiesen hat, mit welcher man von wissenschaftlicher Talmudgelehrsamkeit spricht, einer Gelehrsamkeit, welche durch Anschaffung des ■uiswa übn: und des rrnritt ‘iid sehr leichten Kaufes zu erringen sein soll, und die sich öfters um Kleinigkeiten abmüht, welche für den rabbinischen Literarhistoriker von Interesse sein mögen, aber mit der jüdischen Theologie, die sich vor Allem mit der Ermittelung des Wortsinnes und Lehrgehaltes der H. S. allen Ernstes beschäftigen sollte, gewiß nur in sehr entfernter Beziehung stehen. Legen wir nun den rabbinisch-kritischen Maßstab an T.'s Hauptwerk trtiöi'V mbw (Friede Jerusalems) , — denn der Druck des t ymp mußte aus Mangel an Theilnahme beim lesenden Publikum unterbrochen werden, — so drengen sich uns folgende Bemerkungen auf. Gedachtes Werk soll Erläuterungen zur Festordnung (wn *no) der palästinensischen Gemara enthalten. Wir sagen, es soll: denn so sehr auch die Präponderanz der babylonischen Akademien zur Zeit der Geonim bei den occidentalischen Gemeinden die jerusalemische Gemara , in den Hintergrund drängte, und diese also dem Pilpulisten wie dem Archäologen noch vielfachen Stoff zu mannichfaltigen Untersuchungen darbietet; so bringen doch T.'s Erläuterungen in Rücksicht des erläuterten Werkes nur sehr wenig Erquickliches. Es enthält vielmehr das Ganze nur Novitäten (v'w'nn) von der allgewöhnlichsten, gemeinsten Art, welche häufig mit dem Jeruschalmi in gar keiner, oder doch nur sehr geringer Beziehung stehen; so daß man auf die Vermuthung kommt, der Verfasser habe seine halachischen Erfindungen nur gelegentlich an den Jeruschalmi angeknüpft, weil die Schmidt'- sche Buchdruckerei in Wien die Herausgabe des gedachten Talmud beabsichtigte, und sich also eine sehr willkommene Gelegenheit darbot, die, in unseren Tagen so wenig gangbare Waare zu Markte zu brin- : gen. Doch — darüber wollen wir mit dem Verf. nicht rechten; er war hierin nicht der Erste, und wird wol nicht der Letzte bleiben. Die Schule, zu welcher der Verf. gehört, ist die seichte deutsche. Es lassen sich nämlich innerhalb der Pilpulbestrebungen zwei, bisher übersehene Richtungen unterscheiden. Die deutsche Schule, welche meist auf der Oberfläche bleibt, und sich in leichtem Witzesspiel gefällt, und die polnische, welche auf tiefere Erörterungen eingeht, glänzenden Scharfsinn entwickelt, und nicht nur durch geistreiche Einfälle, sondern durch klar durchdachte Kombinationen oft wahre Bewunderung erregt. Der Sachkenner nehme zum Beispiel den nnu oder auch den bre^nip'' rvmn zur Hand, und halte dagegen den rrrebsn, und den, in seiner Art kaum erreichten msia! In der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hat die polnische Schule ihren Kulminationspunkt erreicht. Löb ben Ascher, Jonathan Eibeschütz, Ezechiel Landau, Pinkas Hurwitz, waren Sterne erster Größe am Pilpulhimmel. Polen hat auch in unseren Tagen Rabbinen aufzuweiscn, die in dieser Beziehung Ausgezeichnetes leisten; in Deuschland, Preußen, ja selbst in Ungarn ist die Zahl der Pilpul-Notabilitäten sehr geringe. Merkwürdig ist es, daß Ezechiel Landau's Lehre und Beispiel in Prag so wenig Früchte trug, und selbst die älteren Talmudisten Prag's, Samuel Landau abgerechnet, sich nicht auf die Höhe der polnischen Schule zu erheben vermochten. Eleasar Fleckeles, der geschwätzige Vielschreiber, Bezalel Rans- > bürg, Samuel Kaulers — welch untergeordneten Werth haben ihre Leistungen auf talmudischem Gebiete! Aber der bornirteste Talmudlehrer in Prag war Jakob Günsburg, aus dessen Schule unser Nehemias hervorging, und deren Flachheit er in allen seinen halachischen wie hagadischen Leistungen repräsentirte, wovon sich Kenner auf jeder Seite seines „Jerusalemfriedens" überzeugen kann. Proben können hievon in deutscher Sprache nicht geliefert werden. Um jedoch den Lesern d,ieser weit verbreiteten Blätter zu zeigen, wessen Geistes Kind der Verf. des irbiavv dibw gewesen, und wie treu er in den Fußtapfen seines Meisters Jakob Günsburg gegangen, wollen wir doch Eine Stelle hersetzen, welche auch in anderweitiger Beziehung nicht ohne Interesse sein dürfte. Im Traktate Sabbat (I, 4) werden nämlich die