Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 45 (5.11.1842)
- Date
- 1842-11-05
- Page
- Seite 664 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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664 gen der Anhänger des Pilpuls bedeckt*), und denselben jeden freien Blick in Vergangenheit und Gegenwart raubt, dieses Blatt hat bereits mehre Jeremiaden gebracht, die nicht schwülstig genug den unersetzlichen Verlust beklagen können, welchen die mährisch-jüdische Kirche und die gelehrte rabbinische Welt durch das Hinscheiden des seligen Oberlandesrabbiners Nehemias Trebitsch erlitten. Da sich nun jene Nekrologe in allgemeinen Phrasen ergehen, und die zu schildernden Verhältnisse und Zustände ganz unbeachtet lassen; so ist es möglich, daß die panegyrischen Biographen mit den jüdischen Angelegenheiten in Mahren gar nicht, oder doch sehr wenig vertraut und bekannt waren. Einer derselben scheint in der That nicht einmal gewußt zu haben, daß der Rabbiner N. L. nicht unmittelbar von Prag nach Nikolsburg berufen wurde. Wir wollen also auch die übertriebenen Lobeserhebungen, welche dem Dahingeschicdenen gespendet werden, der Unkunde zuschreiben, und dieselben auf sich beruhen lassen. Aber die herausfodernde Sprache, welche in denselben herrscht, der unwürdige, schmähende Ton, mit welchem über die ernstesten, heiligsten Bestrebungen der Zeit abgesprochen und abgeurtheilt wird, macht es dem unterrichteten und redlichen Wahrheitsfreund zur Pflicht, auch über diesen Heiligen, über diesen Hohenpriester, über diesen heldenmüthigen Streiter der Tora ein Wort der Wahrheit zu reden.— Wol kennen wir die Achtung, die wir den Tobten schuldig sind; wol beherzigen wir die Lehre unserer Weisen, den Namen und Ruf der Dahingeschiedenen mit aller Schonung zu behandeln (Orach Chajim 606 §. 3); und darum wollen wir die Schwächen, welche auf die amtliche Thätigkeit des Landesrabbiners einen entschieden nachtheiligen Einfluß ausübten, mehre Judengemeinden Mährens in widerwärtige Prozesse und Streitigkeiten verwickelten, und wahrlich nicht geeignet waren, das Ansehen und die kirchliche Autorität des Landrabbinats zu heben, und den Einfluß desselben auf die religiösen Gemcindeangelegenheiten zu Ordern, — das wollen wir nur im Vorübergehen berühren, und nur an Aktenstücke erinnern, welche zum Theil in diesen Blättern mitgetheilt waren, und sich zum Theil bei °) Baba Batta 15, 6. der Redaktion befinden müssen: aber wenn mit der rabbinischschriftstellerischen Thätigkeit des Rabb. N. T. so viel Aufhebens gemacht wird, wenn man von seinen Werken als von Meisterstücken rabbinischer Weisheit spricht; so muß doch auch dem ruhig Prüfenden gestattet sein, sein Urtheil mit wissenschaftlicher Ruhe abzugeben, — was wir in Folgendem in Kürze thun wollen. Es versteht sich zunächst von selbst, daß wir bei Beurtheilung der Trebitschischen Pilpulsachen nicht den Standpunkt der neuen jüdischen Theologie einnehmen werden; da man von diesem Standpunkte aus über den ganzen Pilpul und die ältere Behandlung des Talmuds ohne weiters den Stab bricht, und alle derartigen Untersuchungen als eitle Spiegelfechterei verwirft. Ob dies mit Recht oder Unrecht geschehe, und welcher absolute Werth dem Pilpul beizulegen sei, — kann hier nicht erörtert werden. Wir wollen den eifrigen Gegnern desselben nur das Eine bemerklich machen, daß die religiöse und sittliche Entwicklung der jüdischen Gemeinden in manchen Ländern, — namentlich in Gallizien, Polen, Rußland, Ungarn, — größtentheils von der Tüchtigkeit abhängt, welche die jüngeren, dem Fortschritte huldigenden Rabbiner im Pilpul erlangt haben. Einmal, weil junge, wissenschaftlich gebildete Theologen durch überwiegende Pilpulrüstigkeit leichter in's Amt kommen, während dies einem modernen, den Talmud nur historisch behandelnden Kandidaten in größeren Gemeinden höchst selten und nur ausnahmsweise gelingen kann. Ferner darum, weil nur ein, im ältern Sinne talmudisch gebildeter Rabbiner im Stande ist, auch den Talmudisten zu imponiren, die öffentliche Meinung auch von dieser Seite für sich zu gewinnen, und also auch seinen fortschreitenden Bestrebungen und Einrichtungen eine breitere, solidere Basis zu sichern, und einen wirksamern, nachhaltigern Einfluß auf Synagoge, Haus und Schule zu verschaffen. Aber abgesehen von dem Werth oder Unwerth des Pilpuls an sich, fordert es schon die Billigkeit, uns bei Beurtheilung literarischer Pilpul- Produkte auf den Standpunkt der Autoren zu versetzen , wie denn überhaupt jeder Schriftsteller das unbestreitbare Recht hat, den Gesichtspunkt anzugeben, von welchem aus er sein Werk beurtheilt zu wissen wünscht. Denjenigen, welche über alle neurabbinischen Werke unbedingt das Verdammungsur-