Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1842)
- Date
- 1842-10-08
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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606 nothwendig es sei, der Regierung zu zeigen, daß der Jude die Pläne der Regierung zu würdigen, ihre Absichten zu erkennen, und darum ihr Vertrauen zu verdienen im Stande sei; wie natürlich es wäre, daß die Regierung nach dem ersten Schritte auch den zweiten thun müsse, und gerne thun werde, wenn sie den Juden nur befähigt wisse, jene Stelle einzunehmen, die er anspräche; — das Volk hielt sich an seinen starren Syllogismen, und in diesem Zirkel sich bewegend, indem die Regierung den Juden, und der Jude die Regierung zu den ersten Schritten auffordert — schützte man die obige Ansicht als Grund der hartnäckigsten Verweigerungen vor. Drei Wochen, durch die mannigfachsten Kränkungen, durch die heftigsten Verläumdungen, die schmählichsten Verunglimpfungen verbittert, verlebte ich in dieser Stadt, die sich zu den wohlhabendem unter den jüdischen Städten zählt. Aber wir lernen ja meistens nur im Unglücke, und so hatte ich auch nur hier die verschiedensten Meinungen, den Geist und die Gesinnungen der Juden kennen gelernt, und konnte, um den Zweck meiner Mission zu erfüllen, der Regierung die Mittel und Wege zeigen, durch die sie ihre Absichten erfüllen könnte.— Allein mir stand noch eine harte Prüfung bevor; nach Wilna zurückgckehrt, hörte ich die Opposition nun laut über den Gottgefälligen Muth der Minsker jubeln, und die vorschnellen Zusagen der Bessergesinnten verunglimpfen. Die vierzehn Tage vor dem nahenden Passaseste wurden zu den mannichfachsten Aufreizungen verwendet und je.des Mittel versucht, um das schon Zugestandene wieder zurückzunehmen. — Bei einer Gemeindeversammlung am vierten Tage des Festes wurde Alles daran gesetzt, um den ausgesprochenen Zweck zu erreichen; allein an der wohlwollenden Unterstützung des Herrn Eivilgouverneurs Semenoff, und der Festigkeit der Schulfreunde, scheiterte auch dieser Versuch, zeigte aber deutlich, daß hier jetzt andere Maßregeln ergriffen werden müßten. Ich hatte mit meiner ganzen Charakterfestigkeit gegen diese Masse von widrigen äußern Eindrücken zu kämpfen, um mich weder cinschüchtern, noch entmuthigen zu lassen; ich bedurfte meiner ganzen Kraft, um zum wahren bürgerlichen und geistigen Heile dieser unglücklichen Glaubensbrüder kräftig fortzuarbeiten, und ihnen eine freundlichere Zukunft selbst wider ihren Willen begründen zu helfen. Es galt nun vor allem, das Zutrauen der Juden, — die in's Unglück versunken, an jedem Besserwerden verzweifeln —, zu den hochherzigen Maßregeln der Regierung zu gewinnen, und zweitens, da Gehorsam gegen des Monarchen Befehle ein Grundzug in dem Charakter der Juden ist, ihnen den Ernst der Regierung in Betreff ihrer geistigen und bürgerlichen Wiedergeburt zu zeigen. — Da nun die Bestätigung der in Wilna votirten Summen von den Vorstellungen der verschiedenen Minister in St. Petersburg abhing, so benutzte ich diesen Umstand, um in die Kaiserstadt reisen zu können, und dem mir anfangs gewordenen Aufträge zufolge, die Regierung nun zu bitten, den Augenblick zu beschleunigen, an dem diä allgemeine Maßregel erscheinen sollte. — Denn mit der Hand des geschickten Meisters hatte Seine hohe Exzellenz, der Herr Minister, die erwünschte Krisis hcrbeigesührt; er hatte es erkannt, daß eine Aufklärung, die nicht durch die widerstrebendsten Elemente eines Volkes sich durchkämpft, nie in ihm fußen, und oberflächlich angenommen, eben so oberflächlich dahinschwinden würde. Mit wcitvoraussehcndem Blicke hat er mir diese Reise aufgetragen, damit durch sie der geistige Boden des Volkes durchwühlt und erschlossen werde, und den Saamen des Bessern in sich aufnehmcn könne. Die Parteien standen scharf gerüstet gegeneinander und harrten der Entscheidung der Regierung. Es gab nur folgende zwei Fälle: Entweder sie handelte für die Beffergesinnten,, und diese gewannen dadurch nur Muth und Begeisterung zu fernerem Kampfe, in dem viele, die die Heuchlerlarve trugen, sie abwerfen und freudig zu den Siegenden übergehen würden; oder die Regierung verzögerte ihre Maßregeln und ließ den gegenwärtigen Augenblick unbenutzt, und der Widerstand der Gegner wuchs in solchem Maße, daß keiner mehr mit der Masse der Opposition den Kampf aufnehmen wollte. Ich konnte über die Lösung dieses Dilemma's keinen Augenblick in Zweifel sein und bat daher Seine Exzellenz, den Herrn Kurator des weißrußländischen Lehrbezirks, wirklichen Staatsrath und Ritters von Gruber, als meine nächste Schulbehörde, um meine Pässe. Ich fand nicht nur die be-