Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 41 (8.10.1842)
- Date
- 1842-10-08
- Page
- Seite 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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605 Montag kamen wir nach Wilna, das 60,000 Juden zählt, und von Napoleon das Jerusalem Litthauen's genannt ward.— Eine rein jüdische Stadt; Klausen, Jeschiboth, Bote-Midraschim ohne Zahl, eine Menge der gelehrtesten Talmudisten und der armen Bocherim Legion. — Doch ebenso wimmelt es von jüdischen Handwerkern aller und jeder Prosession, die Kaufläden gränzen zahllos aneinander; aber da aus Wilna in letzter Zeit die medizinische Akademie, das katholische Seminar, die Equipirungs- Kommission rc. entfernt wurden, so hat die Stadt fast alle Ernährungsquellen verloren, und ist furchtbar verarmt. — Trotz diesen mißlichen Verhältnissen und den mannichfachen Jntriguen der Opposition, die aus der furchtbaren Menge der jüdischen Melomdim bestehend bei Errichtung der Schulen ihr Brod zu verlieren fürchtet, und darum die ängstlichen Familien-Mütter alarmirt, kam cs durch die Mitwirkung des Herrn Rabbiners Israel Gordon, des Magid Rabbi Wolf, des Ehrenbürgers N. Rosenthal und Katzencllenbogen und der angesehensten Vorstände und Gemeindeglieder doch zu einem Beschluß vom 22. Dezember durch den 1) 1000 SR. als Fonds der Talmudtora mit dem dazu bestimmten Hause, 2) 400 SR. von dem Verein Bedckhabajit, 3) 400 SR. von dem Verein Chebrakadischa, und 4) 400 SR. von alten aktiven Gemeindeschulden jährlich als Fonds zu einer Gemeindefreischule genehmigt wurden. — Durch die eifrige und von dem Herrn Minister der Volksaufklärung durch ein besonderes Dankschreiben anerkannte Thätigkeit des Herrn Civilgouverneurs von Wilna, Ritters von Semenoff, wurden außerdem noch angewiesen: 5) 1200 SR. aus der Gemeindekorobka und ungefähr noch 6) 1000 SR. aus einer andern Flcischkorobka, so daß die Summa sich auf 4400 SR. belief, wozu die jüdische Buchdruckergesellschast zu Wilna aus den besondern Betrieb des Kaufmanns erster Gilde und Kompagnons Baruch Rindzunski für die Luach, 700 SR. bestimmte, wodurch ein jährlicher Fonds sich herausstellte von Diese Summen wurden Sr. hohen Exzellenz den Herrn Kriegs- und Generalgouverneur von Wilna, Generallieutnant und Ritter von Mirkowitsch zu: Bestätigung vorgestellt; diese aber konnte einiger An fragen halber, nicht so schnell erfolgen, als es > .>; den eifrigen Schulfreunden gewünscht wurde. Während dessen war an mich eine Einladung von sämmtlichen Rabbinen, dem Kahal und den bedeutendsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in der nahen Gouvcnicmentsstadt Minsk gelangt, die mich aufsorderrc zr demselben Zwecke in diese Stadt zu reisen, v.. de»" lei; nach Wilna gekommen war. Es sprach sier u ,1cm Schreiben der gesunde Sinn aller derjenigen ans . die van oer Hoffnung beseelt sind, eine humanere Erziehung werde mit der Schmach und der Verachtung, die auf dem unglücklichen Volke lasier, auch seine Armuth und sein bürgerliches Elend beseitigen. Allein die Schwierigkeiten, die hier dun Gesingen sich cntgegenstellten, überstiegen alle Möglichkeit, einen glücklichen Anfang zu gewinnen. So sehr aus dem Kampfe der verschiedenen Meinungen und Parteien sich auch die ermuthigende Uebcrzeugung herausstcllte, daß ein besserer Geist schon die ersten Wurzeln zu schlagen anfange; so gewiß aus den feurigen Debatten die erfreuliche Wahrheit rcsultirte, daß die ersten Strahlen religiöser Aufklärung die Nacht schon durchbrochen; so unmöglich war es die Opposition zum Schweigen zu bringen, da sie jeden Antrag zur Gründung einer Schule aus folgendem Grunde zurückwies: „So lange der Staat dem Juden keine bürgerlichen „Rechte zugcstehe, wäre Bildung für ihn nur ein „Unglück. Roh und unwissend, verschmähe er „nicht das erniedrigende Brod eines Faktors, „Trödlers rc. und seinen Trost und seine Freude „in der Religion findend, begnüge er und sein „zahlreicher Hausstand, Gott vertrauend, sich mit „dem kümmerlich Erworbenen; gebildet aber und „aufgeklärt, und doch von jeder ehrenvollen Staats- „stellung ausgeschlossen, führe das Gefühl der Un- „zufriedenheit zum Glaubensabfalle, und dazu „würde ein ehrlicher, jüdischer Vater doch unmöglich seine Kinder erziehen." Es war vergebens darzuthun, wie eine freiere Bildung, mit einer tolerantem Gesinnung dem Juden auch neue Erwerbszweige anweisen würde; wie Summa 5100 SR.