Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 6 (1842)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1842)
- Date
- 1842-09-24
- Page
- Seite 581 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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581 war es auch hier der Rationalismus in einem andern Gewände, und in feierlicherm Priesterkleide, der seinen frivolen Bruder, das Weltkind, in die Zucht zu nehmen vorgab; oder besser, der vigilante Rationalismus, da er einsah, daß es mit der Libertinage nicht mehr gehen wollte, steckte sich in die Bonzenkutte und verstellte sich zur Betschwester. Er gab uns nichts als abstrakte Philosopheme vom Ur-Eins, Weins, Abfall und Versöhnung, und rief marktschreierisch: Offenbarungen! nichts als Offenbarungen! Weil nun aber in der Gegenwart mit diesen sogenannten Offenbarungen eines Urvolkes, oder des Heidenthums, und der dogmatischen Philosophie Griechenland's ein wirklicher Bestandtheil wahrhaftiger Offenbarung, d. h. einen solchen, die die Vernunft nicht als i^r Produkt wieder erkennt, aber doch als eine Thatsache anerkennt, z. B. die Freiheit des Willens, die Persönlichkeit Gottes beigesellt oder zugemischt war, und sich dadurch ein Zwiespalt und Widerspruch innerhalb des Dogma's selbst Herausstellen mußte, eine contradictio in adjecto, n>ie die Vernunft sie nicht freiwillig sich gefallen läßt, so mußte es auch bald dahin kommen, daß dieser Widerspruch aufgedeckt, und beide heterogene Bestandtheile wiederum aus jener unangemessenen Verbindung herausgerissen wurden. Die Philosophie schloß damit, der Dogmatik den Scheidebrief zu schreiben, das ist, und kein anderer, der Geist und die Absicht der neuesten dogmatischen Zerstörungsliteratur von Strauß, Bruno Bauer und L. Feuerbach. Dasselbe was im neutestamentalischen Gebiete sich in Bälde entwickelte, kam, um ein Weniges verspätet als Nachahmung auch im alttestamentalischen zu Tage. Man blieb nicht beim „B i b e l sch e n O r i e n t e" stehen, man bewies nicht länger gleich diesem infernalen Geschwätze, daß der Gott Jsrael's, und der Kanaanitische Moloch oder Baal ganz einerlei Wesen seien (S. Bibel'schen Orient Heft I. p.26—32); daß das Opfer Abraham's dem „götzischen Menschenopfer" entspreche (ibidem). Man sing auch in der Synagoge an über diesen Gesichtspunkt hinauszugehen, und bald erschien in einer Mischtheorie von Hegel und Schilling eine „Religion des Geistes" in zwiefacher Bearbeitung; so daß, während die naturphilosophische, mythologische Schule nur einmal durch Herrn Chacham Bernays vertreten war, diese absolut philosophische Denkweise es bereits mindestens zwei Mal meines Wissens ist. So tritt denn der Rationalismus das dritte Mal weder in leichterer Weltmannestracht, noch in der heuchlerischen Bonzenkutte, sondern diesesmal im philosophischen Talare auf, und stipitzt uns die Offenbarung Gottes unter den Fingern weg, wenn wir ihn nicht auf die Seinen klopfen. Mag nun ein solch Unternehmen angesehen werden wie es wolle; ehrlich und offen sollte es jedenfalls sein. Es sollte nichts vertuschen oder ignoriren, nichts überspringen und wegsingern, am wenigsten sollte es sich mit sich selbst in Widerspruch setzen, indem es in seine rationalistischen Grundsätze Vorstellungen hinein bringt, die erweislich nicht auf seinem Boden gewachsen sind. Will man den Götzen anbeten; nun wohlan! wer Gefallen daran hat beuge ihm das Knie und räuchere ihm, aber mar. sage von dem Kalbe nicht: das ist dein Gott Israel der dich aus Aegypten geführt! Es heißt: vor dem Blinden lege keinen Fallstrick! Aber solches geschieht, wenn man unter mystischer Nebelei und dunkelen Redensarten dem mit offenem Maule staunenden Volke kanaanitische Greuel für Heiligthümer verkauft. Man mache es denn, wie es in der christlichen Kirche L. Feuerbach gemacht hat. Man verwerfe den Gott außer und über der Welt, nenne die Lehre Mose's eine grobe Lüge, und spreche nicht von Offenbarung, wo nur die Vernunftreligion waltet. Man sei weder selbst ein konfuser Kopf, noch wolle man die Gedanken andrer verwirren! Eins oder das Andre! Wer Jehova's ist, trete auf die Eine Seite; und wer Moloch dient, auf die andre! Vereinigen, unter Einem Hut bringen, läßt es sich nun einmal nicht; Offenbarung und Vernunftreligion vertragen sich in Ewigkeit nicht mit einander, denn ihre Lehrsätze bilden konträre Gegensätze. Wir wollen hier nur auf Einige aufmerksam machen. Mose's Hauptlehre ist: Gottes Einheit; derBibel'sche Orient leugnet sie. Jesaia streitet gegen das Dogma vom Doppelprinzipe in der Gottheit (Kap. 4». v. 7); der Bibel'sche Orient lehrt sie, ein Erhaltendes und ein Zerstörendes, Licht und Finsterniß; Mose lehrt die Schöpfung (d. i. eine Schöpfung auch der Materie); der B i b e l'sch e O ri e n t leugnet sie. Mose lehrt die Schöpfung sei das 39